Gerhard Schoenberner
Selmaplatt 6
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26.01.99

Lieber Herr Frank,

Nur mit grosser Verspätung kann ich Ihnen heute für Ihren Brief und die Texte danken, mit denen Sie mich an Ihren Überlegungen teilhaben lassen. Ich war den Dezember Über im Ausland auf einer Vortragsreise, kam mit einem Bandscheibenvorfall zurück und war seither vorzugsweise mit Ärzten beschäftigt. Alle Post blieb unerledigt liegen.

Fast gleichzeitig mit Ihrer Sendung bekam ich eine andere Anfrage, die sich auf den Parallelfall van der Lubbe bezieht, der seinerzeit im SPIEGEL allzu einseitig und unter Negierung aller Aussagen, die der These des Autors widersprachen, abgehandelt worden ist.

In der Tat wäre es höchst ungewöhnlich, dass ein glücklicher Zufall den Nazis zweimal in entscheidenden Situationen zu Hilfe gekommen sein sollte. (Georg Elser scheint mir ein anderer Fall zu sein, bei dem auch die äussere Konstellation fehlt, nur der geplante und nie durchgeführte Schauprozess wäre eine Analogie.)

Mein politischer Instinkt und mein Verstand, die mich in der Einschätzung politischer Ereignisse selten getrogen haben und meist, wenn auch oft Jahre später, ihre Bestätigung fanden, sagt mir wie Ihnen, dass in beiden Fällen eine politische Regie wahrscheinlich ist. Nur kann ich einstweilen garnichts zur Stützung dieser Annahme beitragen. Dagegen finde ich höchst beeindruckend, was Sie bisher an Fakten zusammengetragen haben.

Vielleicht sollte man Ihren Essay, mit einem Dokumentenanhang, zusammen mit einer ähnlichen Darlegung zum Reichstagsbrand als Publikation herausbringen, um die Debatte neu zu beleben und womöglich auf noch lebende Zeugen oder noch vorhandene Zeugnisse zu stossen. Was halten Sie davon ?

Soviel in grossen Zügen, und nun noch ein paar kleine Anmerkungen und Rückfragen:

Gibt es eine Quelle dafür, dass Goebbels den Terminus "Reichskristallnacht" erfunden hat ? Bisher galt das eigentlich als spöttischer, aber keineswegs affirmativer Berliner Volksmund. Da es die Sache nicht trifft, habe ich mich bemüht, den Terminus "Novemberpogrom" einzuführen, zumal die Ereignisse nicht auf eine Nacht beschränkt waren.

Nicht so ganz spontane Aktionen: Die erhaltenen Dokumente zeigen eindeutig, dass am 9.XI.38 aus München per Fernschreiber ganz präzise Anweisungen an SA, SS, Polizeistellen etc. herausgingen.

Es ist kein Zweifel, dass die judenfeindlichen Verordnungen und Massnahmen im Laufe des Jahres 1938 sich häufen und steigern, so dass der Pogrom nur wie ein natürlicher Klimax erscheint. (Freilich muss man da aufpassen, denn Ähnliches liesse sich mit noch mehr Recht vom Genozid an der europäischen Judenheit sagen, so als folge die NS Politik, seit 1933 einem master plan, während wir doch wissen, dass das nicht der Fall, ist, wenn auch die immanente Logik natürlich in diese Richtung drängte.)

Weniger Überzeugend in ihrer Darlegung scheint mir der Hinweis, die Präzision der durchgeführten Massnahmen deute auf eine monatelange Vorbereitung. Sie war nach meiner Überzeugung weder nötig, noch hätte sie sich bei einem so grossen Kreis von Mitwissern geheim halten lassen, was gegen Ihre Annahme spricht. Die telegrafischen Anweisungen sind sehr eindeutig und genau, und die Mobilisierung der paramilitärischen Kader von SA und SS innerhalb von Stunden scheint mir trainierte Routine zu sein.

Kein schlüssiger Beweis und Indiz scheint mir die Aussage von' Konrad Kaiser (8) zu sein. Sie bezieht sich ohne Zweifel auf die sog. "Asozialenaktion", bei der zahlreiche Juden mit "Vorstrafen" verhaftet wurden, auch wenn es sich nur um Bussgelder bei der Steuer oder wegen eines Verkehrsdelikts handelte (15.Juni).

Auch Gutterers Äusserung, man würde sich schrecklich blamieren, die seit langem bekannt ist, lässt sich sehr viel banaler deuten. Die Tatsache, dass die ganze Affäre einen homosexuellen Hintergrund hatte (und der zum Nationalheroen verklärte v. Rath an einem infektiösen Kavalierleiden im Darmtrakt litt), hätte doch völlig gereicht, eine Blamage herbeizuführen. Für die Gefahr, dass ein Komplott aufgedeckt werden könnte, hätte Gutterer sicher ein weit stärkeres Wort benutzt (aber er muss ja nicht eingeweiht gewesen sein).

Woher wissen Sie, dass Heydrich in Paris war?

Wie erklärt man sich, dass die SS Grynszpans Aufenthalt in Toulouse kannte ?

Wieso wurde er zum Verhör nach Alt Moabit gebracht und nicht in die Prinz Albrecht Strasse

Soviel als spontane Reaktion auf Ihren Text, die Ihnen leider wenig weiterhelfen wird, aber vielleicht doch irgendeine verwendbare Anregung enthält. Ich werde weiter nachdenken, evtl. auch noch einen Kollegen mit Ihrem Text bekanntmachen, immer in der Hoffnung, dass man doch noch auf eine Spur stösst. Danke, dass Sie mich an Ihren Überlegungen teilhaben lassen.

Mit guten Grüssen, für heute


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