| Von: Althof Samuel
Gesendet: Samstag, 9. Januar 1999 18:10 An: Blind.Copy.Receiver@compuserve.com Betreff Momsen Zusatz Hans Mommsen (Feldafing)-- Der 9. November 1938 und die nationalsozialistische Judenpolitik Die Ereignisse, die sich überall in Deutschland am 9. und 10., teilweise noch am 11. November 1939 abspielten, lösen auch heute, fünfzig Jahre danach, Abscheu und Betroffenheit aus. Der Absturz einer zivilisierten Gesellschaft in die Barbarei kündigte sich in der von Goebbels inszenierten Aktion an. Die Brandstiftungen, Plünderungen, Misshandlungen und Demütigungen von wehrlosen Bürgern vollzogen sich inmitten der Städte und Gemeinden, vor aller Augen, und jeder, der sich einen kritischen Sinn bewahrt und von der systematischen antisemitischen Indoktrination der Goebbels'schen Propaganda freigehalten hatte, konnte erkennen, welches Schicksal die jüdischen Mitbürger auf mittlere Sicht bedrohte, so wenig die nach 1941 einsetzten systematische Liquidierung des europäische Judentums damals selbst von den Protagonisten der Judenverfolgung vorausgesehen wurde. Das Novemberpogrom stellt eine deutliche Zäsur in der seit 1935 stufenhaft eskalierenden Judenverfolgung da. Vom November 1938 an war die Ausscheidung der Juden "aus dem deutschen Volkskörper", wie es im NS Jargon hiess, irreversibel und verloren die Juden im Altreich ihre materielle Existenzgrundlage und unterwarf sie der Willkür der Gestapo, die gegenüber der NSDAP die Zuständigkeit in der Behandlung der Judenfrage an sich gezogen hatte. Aus dem öffentlichen Degradierungsritual, als das sich der Novemberpogrom darstellt, ging eine systematische Entrechtung und Depossedierung der jüdischen Mitbürger hervor, die indirekt die Voraussetzungen für die nach 1941 einsetzende Deportation schuf. Der Begriff des Pogrom, der sich für die Vorgänge des 8 11.November 1938 durchgesetzt hat, ist insofern irreführend, als den Übergriffen gegen Synagogen, jüdische Einrichtungen und Gewerbebetriebe und die Drangsalierungen jüdischer Bürger jedes Element der Spontanität abging, obwohl es die Absicht von Goebbels war, mit der Parteiaktion eine allgemeine antijüdische Bewegung in Gang zu bringen. Insofern scheiterte die Aktion von Goebbels ebenso, wie das bei der Boykottaktion vom 1. April 1933 der Fall gewesen war. Auch nach dem 9. November kam es verschiedentlich zu Sympathiekäufen der Bevölkerung in den zerschlagenen, aber nicht aufgelösten jüdischen Einzelhandelsgeschäften. Es handelte sich vielmehr um eine zentral angeordnete und systematisch durchgeführte Massnahme, die im gesamten Reichsgebiet zur Anwendung kam und keinen Ort aussparte, in dem jüdische Mitbürger lebten. Dort, wo am 10. November noch keine Übergriffe erfolgt waren, holte die örtliche SA dies am folgenden Tage nach, bis der Befehl erging, von weiteren gewaltsamen Aktionen Abstand zu nehmen. Der Volksmund gab der Aktion, die, da die Propaganda an der Fiktion festhielt, dass sie auf spontane Regungen des "Volkszorns" zurückzuführen sei, keine offizielle Bezeichnung besass, den spöttischen Namen der "Reichskristallnacht". Darin spiegelte sich die ziel und sinnlose Zerstörung jüdischen Eigentums, die von der Volksmeinung übereinstimmend verurteilt wurde. Das dafür massgebende Motiv bestand sicherlich nicht in irgendwelchen Sympathien mit den jüdische Nachbarn. Vielmehr konnte die mutwillige Zerstörung von Volksvermögen und die Infragestellung der öffentlichen Ordnung nicht mit den vorherrschenden bürgerlichen Moralvorstellungen in Einklang gebracht werden war. Bezeichnenderweise standen dieselben Bürger, die am Vorabend die Gewaltakte abgelehnt hatten, am 10. November Spalier, als die verhafteten jüdischen Mitbürger durch die Strassen geführt und in die Konzentrationslager gebracht wurden. Denn diese Massnahme beruhte auf einer formellen Anordnung des Gestapo Chefs und konnte daher als gesetzlich gelten. Für die Mentalität der Bevölkerung war es kennzeichnend, dass die Befehle, die Goebbels, übrigens grossenteils ohne unmittelbare Auswirkung, seit dem Vormittag des 10. November herausgab, wonach die Abrechnung mit den Juden vollzogen und weitere Aktionen unverzüglich einzustellen seien, mit Erleichterung aufgenommen wurden. Der Abscheu, den die Zerstörungen der Pogromtage ausgelöst hatten, wurde daher weitgehend durch die Zusicherungen der Reichsregierung neutralisiert, in Zukunft derartige Vorgänge zu unterbinden und allein auf gesetzlicher Grundlage vorzugehen. Goebbels Aktion unterbrach die sich weitgehend ohne grössere öffentliches Aufsehen vollziehende Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Lebensbereich und die Förderung der jüdischen Auswanderung. Allerdings waren die kumulierenden Massnahmen insofern ins Stocken geraten, als die beteiligten Ressorts und jedes hatte inzwischen ein eigenes Judenreferat gebildet einander blockierte, so vor allem in der Frage der Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben. Das Ausscheiden Hjalmar Schachts als Reichswirtschaftsminister hatte das letzte Hindernis beseitigt, auf diesem Gebiet ebenfalls "aufs Ganze" zu gehen. Die ti7feren Gründe für die Entfesselung der antisemitischen Aktion durch Goebbels haben mit der Ermordung des Legationsrates vom Rath durch den jungen Herschel Grynspans wenig zu tun. Allerdings ist es symptomatisch, wie es zu dieser sich als fatal erweisenden Episode kam. Die polnische Regierung hatte, um möglichen Ausweisungsmassnahmen des Deutschen Reiches zuvorzukommen, angekündigt, dass Juden, die sich seit längerer Zeit nicht mehr in der polnischen Republik aufhielten, zum 31. Oktober 1938 die polnische Staatsangehörigkeit automatisch verlören und staatenlos würden. Das NS Regime reagierte in der für es bezeichnenden Ruppigkeit. Die 12000 Juden polnischer Staatsangehörigkeit, derer die Gestapo habhaft werden konnte, wurden über Nacht abgeschoben und an die polnische Grenze gebracht. Da die polnischen Grenzbeamten die Einreise verweigerten, mussten sie unter unsäglichen äusseren Bedingungen zwischen den Demarkationslinien kampieren, bis die SS schliesslich einen Rückzieher machte und den Juden erlaubte, in ihre Heimatorte zurückzukehren. Doch nicht diese offensichtliche Schlappe, die das NS Regime hinnehmen musste als vielmehr der wachsende Appetit der NSDAP an der Beteiligung an dem zur Arisierung anstehenden jüdischen Eigentum verstärkte die Tendenz, die Ausschaltung der Juden aus der Wirtschaft voranzutreiben, für die schon im Frühjahr mit Verordnungen gegen die "Tarnung jüdischer Gewerbebetriebe" und zur "Anmeldung jüdischen Vermögens" und zahlreichen flankieren Vorschriften die gesetzlichen Voraussetzungen gelegt worden waren. Der im März 1938 vollzogene "Anschluss" Österreichs stellte einen zusätzlich beschleunigenden Faktor dar, war es doch in Wien zu einem riesigen Beutezug der "Alten Kämpfer" gekommen, die mehr als Zehntausend jüdischer Einzelhandelsbetriebe übernahmen oder ausschlachteten. Dies verstärkte die materielle Begehrlichkeit der Gauleiter des Altreichs, die hofften, durch den Zugriff auf jüdisches Eigentum die finanzielle Lage der Parteigaue zu sanieren. Schon im Sommer 1938 preschte Gauleiter Julis Streicher mit entsprechenden Usurpationen vor, wurde jedoch von der ,Reichsregierung "zurückgepfiffen". All dies erklärt indessen nicht hinreichend, warum die Aktion gerade im Spätherbst erfolgte, wenngleich Goebbels den Zwischenfall in Paris zur Erzeugung einer antisemitischen Hetzkampagne benützte. 1936 hatte er in Rücksicht auf die anlaufende Olympiade darauf verzichten müssen, die Ermordung Wilhelm Gustloffs zu ähnlichen Repressivmassnahmen zu benützen. Zwei Jahre später war das anders. Die Stellung des Deutschen Reiches nach aussen hatte sich durch das Münchner Abkomme gefestigt, der Handlungsspielraum war grösster geworden. Indessen war es gerade die Auswirkung des Münchner Abkommens, von dem sich der britische Premierminister, Neville Chamberlain, die Bewahrung des "Friedens für unsere Zeit" versprochen hatte, die zum erneuten Schub der innenpolitischen Radikalisierung beitrug.. Unmittelbar nach München war die Propaganda auf die Vorbereitung Deutschen auf einen kriegerischen Konflikt umgestellt worden, die, als Hitler eine Panzerdivision durch Berlin marschieren liess, ihren Friedenswillen durch Nichtbeachtung unter Beweis stellten. In seiner Rede vor der deutschen Presse am 10. November widmete sich Hitler ausschliesslich diesem Gegenstand (während er das laufende Pogrom mit keinen Wort erwähnte). Die Bevölkerung aber gab sich der Hoffnung hin, dass nach den Jahren unablässiger politischer Dramatik nunmehr allmählich ein Normalzustand eintreten würde. Eben dies hatte die NSDAP am meisten zu fürchten, und es war charakteristisch, dass sie durch die Aktivierung antisemitischer Emotionen den öffentlichen Stimmungseinbruch zu kompensieren suchte. Der äussere Anlass zur Aktion lag in dem Zusammentreffen der (von Goebbels verzögerten) Nachricht vom Tode vom Raths und dem Treffen der "Alten Kämpfer" und Blutordensträger am Vorabend des 9. November in München. In jener Unterredung, die Goebbels mit Hitler hatte, bevor dieser die Veranstaltung vorzeitig verliess, wissen wir nichts. Offenbar hatte der Reichspropagandaminister den Diktator auf die antisemitischen Übergriffe in Kurhessen, die seit dem 7. November in Gang gesetzt worden waren, hingewiesen und den Eindruck erweckt, dass der antisemitische Volkszorn endlich in Gang gekommen sei und die Partei allen Anlass habe, sich an die Spitze einer spontanen Volksempörung zu stellen. Hitler billigte das Vorgehen von Goebbels, wenngleich er sich in der Nacht über das Ausmass der pogromartigen Vorgänge überrascht zeigte. Jedenfalls wurde die antisemitische Hetzrede, die Goebbels vor der Versammlung der Parteiführer hielt, allgemein in dem Sinne verstanden, sofortige antisemitische Aktionen einzuleiten, wobei die Anweisung, nicht in Parteiuniformen aufzutreten, vielfach nicht befolgt worden ist. Reinhard Heydrich erfuhr erst indirekt von der anlaufenden Aktion, in die sich die Gestapo nach Auskunft der Gaupropagandaleitung nicht einmischen sollte, und liess sofort Himmler unterrichten, der sich bei Hitler in dessen Münchner Wohnung aufhielt. Der Reichsführer SS gewann den Eindruck, dass Hitler, der die Anweisung gab, dass sich die SS aus der Aktion heraus halten sollte, von den Vorgängen im einzelnen keine Kenntnis besass. In de Augen Himmlers und Heydrichs stellte Goebbels Initiative ein völlig überflüssiges und in der Sache abträglichen Vorgehen dar, da zwar den politischen Entscheidungsprozess, der im Dickicht konkurrierende Ressortinteressen steckengeblieben war, abrupt beschleunigte, damit aber das Hauptziel der NS Judenpolitik, die Forcierung der Auswanderung, keineswegs erleichterte. Vielmehr sollten die schweren Devisenverluste, die durch die Wiederbeschaffung der zerschlagenen Geschäftseinrichtungen durch die Judenschaft mit der Eintreibung einer "Sühneleistung" in der Höhe von 1 Milliarde Reichsmark selbst aufzubringen waren, die dafür notwendigen Mittel nur vermindern. Diese Einsicht hinderte die SS nicht daran, die durch die Aktion geschaffenen vollendeten Tatsachen für die Wahrnehmung ihrer spezifischen Interessen zu nützen. Dazu gehörte die Verhaftung von 26 000 Juden, die Heydrich noch in der Nacht zum 10. November anordnete und mit der er die Absicht verfolgte, die betroffenen Juden zur Auslieferung ihres Vermögens an die SS zu zwingen, die es zur Finanzierung der Zwangsauswanderung zu verwenden gedachte. Überdies waren in vielen Fällen, entgegen der Anweisung der SS Führung lokale SS Einheiten an den Übergriffen des 9. Und 10. November aktiv beteiligt. Von den einzelnen SA Standarten wurde das gewalttätige Vorgehen gegen Juden als eine Art Bewährungsprobe betrachtet, an der jeder teilnehmen musste, der sich nicht ausserhalb der Kameradschaft stellen wollte. Die Einübung in kollektive Verbrechen setzte bereits in dieser anscheinend gemässigten Phase des Regimes ein. Dort wo am nachmittag des 10. November noch nichts geschehen war, wurden die Parteiorganisationen förmlich dazu gezwungen, die Zerstörungsaktionen nachzuholen, obwohl zu diesem Zeitpunkt entsprechende Gegenbefehle bereits vorlagen. Das weist auf ein verbreitetes Unrechtsbewusstsein hin, das man durch eine möglichst umfassende Komplizenschaft zu kompensieren bestrebt war. Bezeichnend dafür war auch, dass die randalierenden SA Trupps in aller Regel, Nachbarn dazu zwangen, ihre Fensterläden zu schliessen, und Zuschauer unter Drohungen aufforderten zu verschwinden. Neben antisemitischen Beweggründen spielten Männlichkeitsrituale und Männerbundphantasien eine verhängnisvolle Rolle. Währen der Pogromtage konnte jeder unabhängige Beobachter feststellen, dass die Juden im NS Regime "vogelfrei" geworden waren, auch wenn die Bevölkerungsmehrheit willkürliche Gewaltakte ablehnte. Das Ausmass der Intimidisierung der Öffentlichkeit zeigte sich darin, dass in den seltensten Fällen die kommunalen Amtsträger, Landräte oder Regierungspräsidenten den Mut hatten, sich gegen die Aktion zu wenden und gegen die Ausschreitungen vorzugehen.. An der Spitze stand gewiss die klägliche Rolle, die Reichsjustizminister Franz Gürtner und die Rechtsprechung im Blick auf das Pogrom einnahm. Gürtner erfuhr von der Anweisung, die Himmler der Gestapo gab, gegen Bandstiftung und Sachbeschädigung keinesfalls vorzugehen sondern nur Plünderung, Vergewaltigung und vergleichbare Straftaten zu verfolgen, erst am vormittag des 10. November. Er sah sich notgedrungen veranlasst, die Staatsanwaltschaften im gleichen Sinne zu instruieren und die Verfolgungsmassnahmen den Gestapoleitstellen zu überlassen. Damit lag es ausschliesslich in der Zuständigkeit der Gestapo, ob gegen einschlägige Delikte Anklage erhoben wurde oder nicht. Gürtner musste hinnehmen, dass die wenigen überhaupt eingeleiteten Verfahren an das Oberste Parteigericht gezogen und damit die Zuständigkeit der ordentlichen Justiz umgangen wurde. Von den 91 Fällen, in denen jüdische Bürger im Zusammenhang mit dem Pogrom zu Tode kamen, gelangte nur ein Bruchteil zur förmlichen Verhandlung. Gürtners Funktion beschränkte sich schliesslich darauf, beim Reichskanzler um die Niederschlagung derjenigen Verfahren zu ersuchen, die an sich wegen Heimtücke gegen Pogromkritiker einzuleiten waren und zu einer öffentlichen Erörterung der Gewaltakte nach dem 9. November und der Veranwortung der Partei geführt hätten. Die "Reichskristallnacht" stellte eine schwere Niederlage des Justizapparates dar, der bis dahin seine Zuständigkeit gegenüber der konkurrierenden SS mühsam zu behaupten versucht hatte, nun aber auf der ganzen Linie kapitulierte. Die Ausschaltung der Gerichtsbarkeit und die fast ausnahmslose Niederschlagung der in dem Pogromtagen begangenen Verbrechen stellte eine Ermunterung für all diejenigen dar, die Gewaltanwendung gegen Juden guthiessen. Allerdings ging das Regime einigen Schritte zurück, indem im Spätherbst 1939 öffentlich verlautbart wurde, dass Übergriffe gegen Juden nicht mehr zugelassen seien. Auch die Presse siele die Ereignisse in der Nacht des 9. November herunter. I wurde ausdrücklich angewiesen, von den Vorgängen nur zurückhaltend zu berichten, im wesentlichen nur die lokalen Vorgänge wiederzugeben und sich jeder vergleichenden Schilderung der Ereignisse zu enthalten. Dazu passte, dass Hitler auf seinem Abendempfang für die deutsche Presse am 10. November in München die Ereignisse mit keinem Wort erwähnte. Auch Goebbels musste sich eingestehen, dass er durch sein Vorprellen in die politische Isolierung geraten war. Zwar scheiterten Himmler und Heydrich in ihrem Bemühen, bei Hitler die Ansetzung des Reichspropagandaministers zu erreichen, dessen Haltung sie für unverantwortlich ansahen. Aber Goebbels spürte dessen deutliche Zurückhaltung, wenngleich der Diktator Gerüchten, das Goebbels in Ungunst geraten sei, den Boden entzog, indem er sich in dessen Loge in der Staatsoper öffentlich zeigte. Selbst in seinem internen Tagebuch sah sich Goebbels dazu veranlasst, das Gewicht der Ereignisse mit der Bemerkung herunterzuspielen, dass "die Judenfrage nun ein gutes Stück weitergeführt worden" sei. Seine Propagandamanöver, die nach der Halte den Dieb Methode von der Verantwortlichkeit der Partei abzulenken suchten, fanden nirgendwo Glauben. Indirekt gab er die negativen Wirkungen zu, indem er am 13. November notierte, dass man sich "schon wieder in der Offensive" befinde. Tatsächlich aber war seine Zielsetzung in keiner Hinsicht in Erfüllung gegangen. Der Traum, die Judenfrage durch die Entfesselung einer umfassenden Pogromstimmung im deutschen Volke einer Lösung entgegen zu treiben, war endgültig ausgeträumt. Zugleich war Goebbels, als die Satrapen am 12. November in einer von Göring geleiteten Chefbesprechung daran gingen, den Kuchen zu verteilen, leer ausgegangen. Die Partei profitierte nicht von der nun eingeleiteten Arisierung der jüdischen Gewerbebetriebe, deren Einnahmen vielmehr ausschliesslich für den Vierjahresplan Verwendung finden sollten. Die verwaltungsmässige Zuständigkeit lag eindeutig bei der Gestapo, und die "wilden" Aktionen, mit der die Partei die Führung in der Judenfrage zu ergreifen pflegte, wurden nunmehr definitiv durch die systematische Gesetzliche Ausschaltung in den Hintergrund gedrängt. Die Bedeutung des 9. November 1938 als Zäsur in der nationalsozialistischen Judenverfolgung liegt in dem zum ersten Mal allgemein vollzogen Ritual der öffentlichen Degradierung aller jüdischen Bürger. Es machte klar, dass die deutschen Juden nicht mehr zum eigenen Volk gehörten und dass es nicht nur sinnlos, sondern gemeinschädlich war, ihnen zu helfen oder menschliche Sympathie entgegenzubringen. Die schrittweise "Entpersönlichung" der jüdischen Mitbürger stellte ein unentbehrliche psychologische Voraussetzung für die spätere Implementierung des Holocaust dar. Zwar die Kristallnacht noch keine Vorstufe der Shoah, aber sie liess ahnen, wohin der Weg gehen würde, wenn als äusseren Hemmungen entfielen. Den einfachen Bürgern vorzuwerfen, zu den Dingen geschwiegen zu habe, ist allzu wohlfeil. Hingen ist die Verantwortung der politischen und administrativen Eliten, sich dem offenbaren Unrecht nicht widersetzte zu haben, unbezweifelbar. Sicherlich spielten antisemitischen Vorurteile dabei eine unentbehrliche Rolle. Entscheidend aber war die lang eingeübte moralische Indifferenz, die das Verhalten der deutschen Oberschicht auszeichnete und sich mit dem angestammten obrigkeitsstaatlichen Denken verknüpfte. Wo Erschrecken und Protest notwendig gewesen wäre, gab es bestenfalls Verstummen, Verschweigen und Verdrängung. |
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