| RECHTSANWÄLTE
KROPP OLBERTZ SCHULTE FRANZHEIM SEIBERT Herrn Dr. Vincent C. Frank Steiner Datum: 09.12.1998 Sü Betr.: Reichskristallnacht Sehr geehrter Herr Dr. Frank Steiner, vielen Dank für Ihre rasche Antwort vom 05.12.1998. Das Wort "Reichskristallnacht", das in seiner hämischen Prägung einen zusätzlichen Akzent der nationalsozialistischen Vorstellungen enthält, möchte ich für meinen Gebrauch ungern durch das Wort "Reichspogromnacht" ersetzen. An der Sache ändert es ohnehin nichts. Sie haben sich sehr viel gründlicher mit diesen Vorgängen beschäftigt als ich, der ich eher beiläufig am Rande meines Buches auch mit diesen Tagen zu tun hatte. Dennoch: Ich bin nicht davon überzeugt, daß es eine konkrete Planung beispielsweise der Synagogenbrandstiftung gegeben hat, schon gar nicht, daß das Attentat vom 07.11.1938 von nationalsozialistischer Seite ferngesteuert wurde. Zu den auch von Ihnen angesprochenen Indizien darf ich auf einige Seiten aus dem Beitrag verweisen, den Uwe Dietrich Adam in dem Fischer Taschenbuch "Der Judenpogrom ab 1938" unter dem Titel "Wie spontan war der Pogrom" veröffentlicht hat. Das Dritte Reich war organisatorisch unglaublich chaotisch. Das von Ihnen unterstellte Zusammenwirken ganz unterschiedlicher Stellen einschließlich Ministerien läßt sich fast schon deshalb ausschließen. Der "Druck der Basis" war es, der im September 1935 zu den nun wirklich nicht langfristig vorbereiteten Nürnberger Gesetzen führte, die praktisch innerhalb weniger Tage zusammengeschustert wurden. Der "Druck der Basis" war es andererseits, der * Fachanwalt für Arbeitsrecht Telefon (02 21) 93 18 96 0 Telefax (02 21) 93 18 96 9 Stadtsparkasse Köln (BLZ 370 501 98) Kto. Nr. 213 220 37 Deutsche Bank Köln (BLZ 370 700 60) Kto. Nr. 673 90 64 Postbank Köln (BLZ 370 100 50) Kto. Nr. 115 906 503 2 immer wieder beim Reichsinnenministerium eine Gesetzgebung anmahnte, die es ermöglichte, die Juden anhand ihrer Namen zu unterscheiden und damit zu diskriminieren (davon handelt mein Buch). Bis es dann schließlich zu den Vorschriften vom August 1938 kam, waren mehr als fünf Jahre vergangen, weil in diesem Zuständigkeitschaos eine Stelle gegen die andere arbeitete. Auch der Ablauf spricht gegen eine lang vorbereitete Organisation. Wo nächste Synagoge war, wußten die örtlichen SA Kommandos selbstverständlich. Wenn sich ein solcher Brandstiftertrupp aber beispielsweise mit Bohnerwachs etc. als Brandbeschleuniger behelfen mußte, dann spricht das gegen eine entsprechende Vorbereitung. Solche Fälle hat es aber zu Hauf gegeben. Warum übrigens hätte Göring, wenn es eine solche Planung gegeben hätte, sich über die aus seiner Sicht überflüssigen Sachschäden beschweren sollen? Seit der Vermögenserfassung aufgrund der Vorschriften vom April 1938 war den Parteiinstanzen und sicherlich auch der Polizei in jedem Ort bekannt, wer die "vermögenden Juden" waren. Vermutlich hätte es in den meisten Orten dieser Vermögenserhebung dazu gar nicht bedurft. Die Auswahl ist, wie ich aus vielen Städten weiß, dennoch einigermaßen willkürlich ausgefallen. Hans Jürgen Döscher hat in seinem 1988 erschienenen Buch über die "Reichskristallnacht" schon sehr dezidiert die Auffassung vertreten, es habe homosexuelle Kontakte zwischen Herschel Grynszpan und Ernst vom Rath gegeben. Restlos klären läßt sich das vermutlich nicht. Wenn es aber diese Kontakte gab und, wie Sie annehmen möchten, das Attentat von deutscher Seite ferngesteuert war, dann wußte die deutsche Seite auch von diesen Verbindungen. Eine solche Verschwörungstheorie würde ich eher annehmen, wenn Herschel Grynszpan kurz nach dem Attentat nicht mehr gelebt hätte. Er hat aber zunächst noch gut eineinhalb Jahre in französischen Gefängnissen gelebt und hatte jede Gelegenheit der Welt, dort in dieser Richtung auszusagen, die ihm, wäre es so gewesen, irgendwann einmal doch wohl gedämmert haben müßte. Eine Fernsteuerung ohne jede Wahrnehmung des Gesteuerten kann ich mir schlecht vorstellen. Moro Giafferi war nun wirklich ein Anwalt, den man sich mit diesem Thema besonders gut anvertrauen konnte. Irgendwelche Rücksichten auf die deutsche Seite waren bei ihm nicht zu befürchten. Friedrich Karl Kaul ist 1981 gestorben. Die Notiz aus dem biografischen Handbuch "Wer war Wer in der DDR" hatte ich Ihnen anscheinend versehentlich nicht beigefügt. Ich hole das nach. Ich bin gespannt, was Sie noch finden. Mit freundlichen Grüßen
Seibert Rechtsanwalt "Der Judenpogrom 1938, Von der Reichskristallnacht zum Völkermord" von Walter H. Pehle, Fischer Verlag, Frankfurt, ISB N 3-596-24386-6 82 Uwe Dietrich Adam Wie spontan war der Pogrom? Fehler unterlaufen auch anderen Zeugen, ohne dass das Gericht auch nur in einem einzigen Fall diese ungenauen Datierungen bemerkt hätte. Wenn das »Schwarze Korps« als Beleg für bereits angelaufene Planungen zitiert wird, weil es als Organ der Reichsführung SS angeblich mehr wissen mußte als andere Zeitungen, so verweist dies auf das Wissen Himmlers und die Beteiligung der SS. Gesichert ist nur, daß die Redakteure dieser Zeitung über keinen »besonderen Draht« weder zur SS-Spitze noch zur politischen Führung verfügten; das Blatt lag zudem in einem beständigen Abwehrkampf insbesondere gegen Goebbels, da der Reichspropagandaminister voller Abwehr und Mißtrauen die redaktionelle Ausrichtung dieser Zeitung verfolgte. Wenn das »Schwarze Korps« Anfang November 1938 dem Judentum mit wirtschaftlichen Sanktionen drohte, dann einfach deshalb, weil diese Maßnahmen »in der Luft lagen« ein Eindruck, den übrigens viele der jüdischen Opfer teilten. Es bedurfte zur Artikulation dieses Eindrucks wahrhaftig keiner weiteren Kenntnisse als der, die man aus der täglichen Zeitungslektüre beziehen konnte. Auch der vermeintliche Bau neuer Häftlingsbaracken in den Konzentrationslagern durch jüdische Gefangene erweist sich schnell als Wunschdenken. Tatsächlich wurden im Sommer 1938 im Konzentrationslager Buchenwald durch ca. 500 jüdische Häftlinge zumeist aus Breslau und Berlin Neubauten errichtet, allerdings waren diese aus Stein und sollten die bislang verwendeten Holzbaracken ablösen. Außerdem war die Erhöhung der Barackenzahl in den Konzentrationslagern deshalb notwendig geworden, weil die Häftlingszahlen zwischen dem Herbst 1937 und dem Spätsommer 1938 um nahezu das Doppelte angestiegen und die Lager hoffnungslos überbelegt waren. Gerade der geplante Bau von Häftlingsbaracken wird nicht zufällig als Argument angeführt, um die These von der »Vorplanung« der Reichskristallnacht neu zu begründen. Die Lesart lautet nunmehr: Das Attentat in Paris lieferte nicht nur einen propagandistischen Vorwand, sondern geschah auch zum richtigen, von den Nationalsozialisten für die Durchführung ihrer wirtschaftlichen Maßnahmen geplanten Zeitpunkt. Diese Behauptung soll natürlich wiederum die Behauptung erhärten, daß die Verfolgung der Juden bis hin zu ihrer Vernichtung nach einem »Generalplan« ablief, der von Hitler und seinen Gefolgsleuten wie nach einem Drehbuch von 1933 bis 1942 durchgeführt wurde. Da es hier allein um Planung zur wirtschaftlichen Ausschaltung geht, soll dargestellt werden, wer etwas plante und zu welchem Zeitpunkt. Wie man im Kompetenzen Chaos plant Kein Zweifel, bei der Machtergreifung Hitlers waren zumindest zwei Punkte des Parteiprogramms von überragender Bedeutung für die Judenpolitik: die Aufhebung der staatsbürgerlichen Gleichheit und die Ausschaltung der Juden aus der Wirtschaft. Das erste Ziel wurde nach den »Nürnberger Gesetzen« vom September 1935 wenigstens formal erreicht. Die Eliminierung der Juden aus der Wirtschaft war demgegenüber legaliter bis in den Spätherbst 1938 hinein nur in Ansätzen verwirklicht worden. Trotz eines massiven Vorgehens der NS gelenkten Wirtschaftsorganisationen im Frühsommer 1933 und trotz erheblicher, verbaler Drohungen und Ankündigungen vor und nach den »Nümberger Gesetzen« war es zu einheitlichen Regelungen des Reichs nicht gekommen. Es gab keine rechtlichen Bestimmungen, die für jüdische Deutsche nach dem Vorbild des Beamtengesetzes oder der »Reichsangehörigkeit« eindeutige, bestimmbare und allgemein geltende Beschränkungen der wirtschaftlichen Betätigung forderten. Es fehlte an einem »Generalgesetz«, wie es das »Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtenturns« vom 7. April 1933 oder die »Nürnberger Gesetze« vom 15. September 1935 darstellten. Daß ein derartiges »Grundgesetz« fehlte, darf nun keinesfalls zu der Annahme verleiten, jüdische Deutsche hätten unbesorgt und ohne Widerstände ihren Geschäften und Berufen nachgehen können. Zwischen 1933 und 1938 erließ das Reich eine erhebliche Zahl berufsreglementierender Maßnahmen. Prinzipiell kann man davon sprechen, daß für jüdische Deutsche alle Berufe, die der staatlichen Genehmigung bedurften, die der staatlichen Regelung und Kontrolle unterworfen waren, weitgehend verschlossen waren. Spätestens im Spätsommer 1938 war der mögliche Arbeits und Tätigkeitsbereich aller jüdischen Deutschen derart eingeschränkt, daß eine freie Berufsausübung selbst in der sogenannten freien Wirtschaft nahezu illusorisch geworden war. Als Folge der immer weitergreifenden Berufs und Beschäftigungsverbote zeigte sich bereits im Sommer 1938, daß eines der Hauptschlagworte der NS Propaganda mit der Wirklichkeit niemals übereingestimmt hatte: Eine rapide ansteigende Zahl jüdischer Bürger mußte die öffentäche Fürsorge in Anspruch nehmen oder fiel der jüdischen freien Wohlfahrtspflege zur Last. Entgegen allen nationalsozialistischen Propagandabehauptungen über die Höhe des in jüdischen Händen befindlichen Völksvermögens zeigte es sich, daß der überwiegende Teil der jüdischen Bevölkerung bereits 1938 von der Substanz lebte und die Ersparnisse kaum einen ausreichenden Lebensunterhalt ermöglichten. Auch muß man feststellen, daß die »Arisierungen« jüdischer Firmen seit 1933 in nahezu unvermindertem Umfang fortgesetzt worden waren. Alle verfügbaren Statistiken weisen nach, daß die Zahl jüdischer Betriebe von 1933 bis 1938 kontinuierlich zurückgegangen war. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Erfolgte nach der geltenden Rechtslage der Verkauf oder die Aufgabe eines Betriebs formal ohne gesetzlichen Zwang, so muß man bei der Bewertung dieser Vorgänge die beinahe unerschöpflichen Pressions und Diskriminierungsmöglichkeiten im Auge behalten, die gerade im kommunalen Bereich mit besonderer Intensität angewendet wurden. Sie reichten vom Einkaufsverbot für Parteigenossen über behördliche Schikanen mit gesetzlichen Auflagen bis hin zu schwersten Pressionen seitens der Banken, Staats und Parteistellen. Wer immer es sich erlauben konnte, seinen Betrieb für einen noch einigermaßen akzeptablen Preis zu veräußern, machte von dieser Möglichkeit Gebrauch. Diese »stillen« Arisierungen auf Gemeindeebene wurden weder vom Reichswirtschaftsministerium noch von der politischen Führung hinreichend registriert. Das von Schacht eingerichtete Referat »Abwehr unzulässiger Eingriffe in die Wirtschaft«, das sogenannte Judenschutzreferat, konnte freilich nur bei Beschwerden oder bei Kenntnis von Übergriffen tätig werden. In der Praxis jedoch entzog sich die Art der Enteignungen dem Ministerium weitgehend. Während sich also weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit, vom zuständigen Ministerium und von der politischen Führung ein schneller Zwangsrückzug jüdischer Betriebsinhaber vollzog, dröhnte die Parteipropaganda noch immer mit Reizworten wie >>Überfremdung<< oder »Verjudung« ganzer Branchen und Betriebszweige und überschätzte so Einfluß und Anteil, den Juden noch im Sommer 1938 am Volksvermögen besaßen. Allein mit der Fortsetzung der üblich gewordenen Arisierungen, d. h. ohne die drakonischen Maßnahmen in der Folge des 9. Novembers 1938, wäre spätestens 1941 die Forderung des Parteiprogramms nach »judenfreier Wirtschaft« nahezu erfüllt gewesen! Nach dem Rücktritt von Reichswirtschaftsminister Hjalmar Schacht (November 1937) und nach der Interimsherrschaft Görings wurden mit dem Amtsantritt Funks im Februar 1938 die Zügel anti jüdischer Maßnahmen in der Wirtschaft schlagartig angezogen. Der willfährige, Hitler und Göring kritiklos ergebene Walther Funk war nicht wie vorher Schacht der Mann, der den wütenden Angriffen der Partei Grenzen setzen konnte. Kaum war Funk in das Ministeramt eingesetzt worden, verstärkte der Stellvertreter des Führers, d. h. dessen Stabschef Martin Bormann, den Druck auf die Staatsbehörden. Görings Ankündigung von Ende Oktober 1938, die »Judenfrage jetzt mit allen Mitteln anzufassen«, denn sie müßten aus der Wirtschaft »raus«, ließ die generelle Stoßrichtung erkennen. Im Reichswirtschaftsministerium waren bereits Wie spontan war der Pogrom? 85 vor Funks Amtsantritt notwendige Vorbereitungen getroffen worden: so etwa die Abschaffung des Referats »Abwehr unzulässiger Eingriffe in die Wirtschaft« im Februar 1938 und seine Ersetzung durch eine Abteilung »Judenfragen«. Die Flut berufsbeschränkender und zusätzlich diskriminierender Maßnahmen, die seit Beginn des Jahres 1938 über die Juden hereinbrach, ging ganz zweifellos auf Hitlers Absicht zurück, nach einer längeren Phase äußerlicher Ruhe die Dinge wieder voranzutreiben. Erstmals seit 1935 machte er auf dem »Parteitag der Arbeit« im September 1937 die Juden zum Gegenstand seiner programmatischen Rede. Ausführlich widmete er sich darin den »jüdischen Zersetzungsaktionen« in Deutschland und steigerte sich in die Horrorvision eines »jüdisch bolschewistischen Weltfeindes«. Hitlers Drohungen standen ganz offensichtlich in einem engen Denkzusammenhang mit seinen im November 1937 vor einem Kreis der Generalität vorgetragenen Plänen und Ansichten über seine nächsten militärisch politischen Absichten. Hier artikulierten sich auch seine seit Weltkriegsende immer drohender werdenden Absichten, nach denen in einem zukünftigen Krieg kein Jude mehr in Deutschland über Macht und Einfluß verfügen sollte, besser noch, die »jüdische Rasse« vor Ausbruch eines solchen Krieges endgültig in Deutschland verschwunden sein sollte. Görings brutal rabiate Forderung vom Oktober 1938 entsprach nicht nur Hitlers Absichten, sondern gab auch den Willen der besonders engagierten Partei Antisemiten wieder, nun endlich auch auf wirtschaftlichem Gebiet und mit durchschlagenden gesetzlichen Regelungen die Juden anzugreifen. Gauleiter Streicher und Joseph Goebbels machten sich in öffentlichen Veranstaltungen im Mai und Juni 1938 zu Wortführern dieser Richtung. Die Kampagne konnte wegen der außenpolitischen Spannungen zwar nicht durchgehalten werden, sie gab jedoch Görings am 28. April 1938 in einer Ministerbesprechung bekanntgegebenen Weisungen den notwendigen Nachdruck: Der »Beauftragte für den Vierjahresplan« hatte dort mit der Forderung geendet, daß die Judenfrage durch die endgültige Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben gelöst werden müßte und durch Umwandlung des jüdischen Vermögens in solide Werte, die keinen wirtschaftlichen Einfluß mehr gestatteten. Wie bereits vermerkt, ließ sich Görings Anstoß durchaus positiv an. Mittels der vorbereitenden Verordnungen gegen die »Tarnung jüdischer Gewerbebetriebe« und der »Anmeldung des jüdischen Vermögens« war ein Zugriff auf jüdische Vermögenswerte jederzeit möglich geworden. In einer weiteren Verordnung vom 14. Juni wurde die Frage beantwortet, unter welchen Voraussetzungen ein "Betrieb" war. Damit schien der gesetzgeberische Elan des Reichswirtschaftsministeriums erst einmal erschöpft. Das Ministerium verfolgte die Linie, »innerhalb einer nicht allzulangen Zeit sämtliche nicht arischen Geschäfte entweder in arische Hände zu legen oder zu liquidieren ... Im übrigen lege es keinen Wert auf forcierte Arisierung.« Die zahlreichen von anderen Ministerien in Gang gesetzten Maßnahmen waren mit dem Reichswirtschaftsministerium weder abgestimmt, noch lassen sie eine auch nur annähernd gleiche Zielrichtung erkennen. Unter welchem Druck man stand, offenbart eine Neufassung der »Gewerbeordnung« des Reichswirtschaftsministeriums selbst. Sie wurde »der Eilbedürftigkeit der Regelung halber« so schnell und oberflächlich zusammengestellt, daß für einige jüdische Gewerbetreibende nachträglich wieder Ausnahmen geschaffen werden mußten. Weitere Berufsverbote trafen die noch praktizierenden Rechts und Patentanwälte, Zahnärzte, Ärzte und Apotheker sowie eine breite Skala anderer Berufe. Als Folge dieser Berufsverbote stieg die Zahl der jüdischen Arbeitslosen und damit ihre Unterstützungsbedürftigkeit. Andere Regelungen nahmen den jüdischen Kultusvereinigungen ihren Status als Körperschaften des öffentlichen Rechts und die damit verbundenen Steuervorteile; der jüdische Steuerbürger wurde zudem grundsätzlich in die höchste Steuerklasse eingestuft. Daß diese Maßnahmen völlig konzeptions und planlos und ohne jegliche Absprache erfolgten, jedes Ministerium nicht nur gegen die Interessen der übrigen verstieß, sondern alle in ihrer Gesamtheit gegen die Interessen des Reichs, zeigt sich etwa an einem Vorschlag, mit dem der Reichsinnenminister im Juli 1938 an die anderen Ressorts herantrat: Um die regellose Ausschaltung durch steuer , finanz und berufsdisziplinierende Maßnahmen zu vereinheitlichen, schlug er vor, die Juden künftig zwangsweise aus der Wirtschaft auszuschalten und ihr Vermögen zu konfiszieren. Sofort erhob sich heftiger und energischer Widerspruch. Der Reichsfinanzminister befürchtete erhebliche Steuereinbußen, sprach von einer »Zerstörung der Wirtschaft« und verfaßte einen geharnischten Einspruch. Schacht, der noch als Reichsbankpräsident amtierte, zog sofort nach, machte auf die »Gefährdung des Kapitalmarkts« aufmerksam und schlug vor, den Juden die Gelegenheit zu geben, ihre Unternehmen innerhalb eines Zeitraums von zehn bis fünfzehn Jahren zu veräußern, »um eine objektiv anständige Bewertung zu finden«. Neben den in erster Linie betroffenen Ressorts wandte sich auch eine Parteieinrichtung gegen die »Zwangsarisierung«, die im Kielwasser des idisch anzusehen zunehmend mächtiger( ]enden »Reichsführers SS« eine eigene Judenpolitik »auf wissenschaftlicher Grundlage« betrieb und mit Billigung Hitlers die jüdische Auswanderung nach Palästina unterstützte. Die vorgelegte Pläne einer Zwangsarisierung trafen nämlich den Nerv des Sicherheitsdienstes (SD), weswegen er den Absichten des Reichsinnenministers heftig widersprach. Im September 1938 skizzierte der SD zwei Hauptaufgaben für die Behandlung der Juden in Deutschland: »l. Schaffung von Auswanderungsmöglichkeiten unter möglichster Vermeidung von Devisenkosten. 2. Sicherung der Unterstützungskosten für die zurückbleibenden Juden durch jüdische Mittel des In und Auslandes.« In der Zwischenzeit war es jedoch zu einer Entwicklung gekommen, die Göring als den Hauptverantwortlichen für Wirtschaft und Aufrüstung aufs äußerste beunruhigte. Als Folge des verstärkten Rüstungsprogramms hatte sich nicht nur die finanzielle Situation des Reichs, sondern auch die Devisenlage dramatisch verschlechtert. Göring verweigerte also kurzerhand die Freigabe von Devisen für die Auswanderung. Diese Entwicklung traf den SD schwer, der gerade im Begriff war, nach dem Vorbild Adolf Eichmanns in Wien dieser hatte als Leiter einer »Zentralstelle für jüdische Auswanderung« innerhalb weniger Monate von den 190000 österreichischen Juden ca. 50000 zur Auswanderung getrieben ein ähnliches Verfahren im Reich einzuführen. Nach Meinung des SD war nämlich die Auswanderung aus Deutschland relativ bescheiden geblieben: Von den ca. 520000 deutschen Juden, die 1933 in Deutschland gelebt hatten, waren bis zu Beginn des Jahres 1938 kaum mehr als 130000 ausgewandert, so daß noch ca. 360000 im »Altreich« lebten. Unter den Ausgewanderten befanden sich vor allem die jüngeren Jahrgänge und diejenigen, die nicht gezwungen waren, aus finanziellen Gründen in Deutschland zu bleiben. Der SD selbst rechnete damit, daß ungefähr 200000 dieser Juden aus Altersgründen und wegen mangelnden Kapitals in Deutschland bleiben mußten, und daß es sehr mühsamer Verhandlungen bedurfte, um auch diese Gruppe aus Deutschland zu drängen. Natürlich zeigte Göring mit seinen bescheidenen wirtschaftlichen Kenntnissen für die komplexen Probleme Auswanderung, Kapitaltransfer und Devisenbeschaffung ebensowenig Interesse wie auch die überzeugten Antisemiten innerhalb der Partei und Staatsbürokratie, die eher von der bloßen Anzahl der noch im Reich verbliebenen Juden und ihrem vermeintlichen Besitz fasziniert waren. Als Göring Ende Oktober 1938 erneut forderte, »sie [die Juden] müßten jetzt mit allen Mitteln angefaßt werden«, dachte er in seinem Ressortegoismus allein an die Reichsfinanzen. Die Lage war tatsächlich so prekär geworden, daß die Über Motivationen und Hintergründe des Pogroms Wenn wir zu den Ereignissen am Anfang dieses Berichts zurückkommen, so sind zumindest zwei Tatsachen erwähnenswert: Ganz ohne Zweifel wußte kein Mensch in Tübingen vor 24 Uhr, daß in dieser Nacht Aktionen gegen Juden und jüdische Einrichtungen stattfinden sollten. Der Kreisleiter irrte hilflos lange nach Mitternacht durch die verlassenen Straßen, um noch irgendwo einiger Parteigenossen habhaft zu werden. Drei betrunkene Zecher suchen mühsam nach Brennmaterial und finden endlich einen vertrockneten Lorbeerkranz, mit dessen Hilfe die Synagoge in Brand gesetzt wird. Ein beinahe schon grotesker Vorgang, wären andernorts die Ergebnisse dieses Runs nicht von derart schrecklicher Wirkung. Ähnliche Improvisationen kann man an nahezu allen anderen Orten beobachten. Nirgends wird ein SA Brandstiftertrupp auf Abruf bereitstellt, nirgends gibt es Vorkehrungen für die Lagerung von Brennmaterialien, nirgends wartet gar ein Partei oder SA Funktionär am Telefon auf die Durchsage eines Codewortes. So scheidet eine wie immer artete Planung, auch schon eine planende Absicht, völlig aus. Die Vorgänge im Alten Rathaus nach der Goebbels Rede belegen diese Tatsache nachdrücklich und sind an den Pogrom Orten selbst fast immer 88 Uwe Dietrich Adam Reichsregierung bei der Reichsbank einen Sonderkredit von 400 Millionen Mark aufnehmen mußte, um die Bezahlung der Beamtenbezüge sicherzustellen; zusätzlich waren die Devisen Auslandskonten hoffnungslos überzogen. Nach den ziellosen Ausschaltungsmaßnahmen im Frühjahr und Sommer 1938 wurden die Ministerien nach der erneuten Aufforderung von Göring wieder aktiv. Ab Anfang November wurden die jüdischen Vermögen bei Banken und Sparkassen überprüft und in bestimmten Fällen, etwa bei Verdacht der Kapitalflucht, mit »Sicherungsanordnungen« ihren Inhabern entzogen. Im Reichswirtschaftsministerium lagen Entwürfe zur Ausschaltung von Juden aus der Wirtschaft vor und zur Einziehung »volks und staatsfeindlichen« Vermögens, die für die nächste Zeit erwartet werden konnten. Bei den auseinanderklaffenden Interessen und Absichten der beteiligten Ressorts und der Partei war es allerdings äußerst unsicher, welche Linie sich bei den anstehenden Konflikten durchsetzen würde eine langsame, allmähliche Zwangsausschaltung unter Berücksichtigung der jüdischen Auswanderung oder eine rücksichtslose, radikale Eliminierung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben. Wie spontan war der Pogrom? 89 nachvollziehbar. In Tübingen wie auch an vielen anderen Orten sind getrennte Gruppen am Werk, deren Aufträge und Handlungsanweisungen einander unbekannt sind. In Tübingen zerschlägt kurz nach 24 Uhr eine Gruppe von SA und SS Leuten die Inneneinrichtung der Synagoge und verwüstet das Gebäude. Drei Stunden später wird ein Parteitrupp aktiv und legt den Brand. Diese getrennten Aktionen spiegeln die unterschiedlichen Befehlswege jener Nacht wider, die durch die zeitlich getrennten Telefon oder Fernschreibwellen ausgelöst werden. Den Beginn machten die Gauleiter ab 22.30 Uhr. Es folgten die SA ab 23 Uhr, die Staatspolizei kurz vor 24 Uhr, die SS ab 1.30 Uhr und Goebbels nochmals um 1.40 Uhr. Die ersten beiden Telefonwellen der Gauleiter und SA Führer, die um Mitternacht abgeschlossen wurden, dürften die ausschlaggebenden Wirkungen gehabt haben. Erst die nachfolgenden Fernschreiben von Heydrich, Goebbels und Daluege brachten nunmehr mit Kompetenzabgrenzungen und näheren Anweisungen über Befugnisse und Aufgaben eine Spur von Ordnung in das hereinbrechende Chaos. An den Orten, an denen die Befehle der ersten Welle direkt eintrafen und sofort umgesetzt wurden, agierten SA und Partei getrennt, wobei meist die SA wegen ihrer kürzeren Befehlswege und ihres militärischen Dienstbetriebs trotz zeitlichen Nachhangs die erste am Tatort war. Da die Befehle nur fernmündlich erteilt worden waren, standen Mißverständnissen aller Art Tür und Tor offen. Es sieht so aus, als ob die SAFührer ihre Befehle zuerst mit der Weisung gegeben hatten, Synagogen und jüdische Geschäfte zu demolieren, während in den Anordnungen auf dem Parteiwege das Niederbrennen der Gotteshäuser betont worden war. Diese unterschiedliche Befehlsgebung und auslegung ist zumindest ähnlich wie in Tübingen in vielen anderen Orten beobachtbar. Diese ersten, sehr unkoordinierten und willkürlich ablaufenden Aktionen zeigen außerdem, daß nicht nur über Art und Umfang der vandalistischen Taten weitgehende Unklarheit herrschte, sondern auch kaum Kenntnisse über die Beteiligung der NS Gliederungen vorlagen. Da die Allgemeine SS erst ab 1.30 Uhr die Weisung erhielt, sich aus den Aktionen »herauszuhalten«, nahm sie an vielen Stellen aktiv an den Zerstörungen teil. Dies läßt vermuten, daß die Befehle so weitläufig und unbestimmt formuliert waren, daß sich jeder in der NSDAP und in ihren Gliederungen angesprochen fühlen durfte. Erst nach den eingreifenden und regulierenden Fernschreiben in den ersten Stunden des 10. November werden zumindest an der Spitze Aufgabenteilung und Zuständigkeitsregelung deutlicher erkennbar. Befehlsgeber und Koordinierungsstellen sollten die zuständigen Gau und Kreispropagandaämter sein, die sich der örtlichen Parteidienststellen und 90 Uwe Dietrich Adam Abb. 8: Verhaftung von Juden in Zeven und Abtransport nach Sachsenhausen; 10. 11. 1938. Bemerkenswert ist das einträchtige Zusammenwirken von SA (ganz links), SS (Nlitte hinten) und Schutzpolizei (vorn und hinten rechts). NS Gliederungen bedienen konnten. Gerade die vielfach belegbare Teilnahme von SS Angehörigen deutet darauf hin, daß den befehlsgebenden Gau bzw. Kreisleitungen von der Ausnahmerolle der SS nichts bekannt war und sie sich auf einen allgemeinen Befehl stützten. Erst durch die späteren Fernschreiben Heydrichs und Daltieges wird deutlich, daß man inzwischen den Zerstörungswahn und den Umfang der Brandstiftungen einzuschränken trachtete. Dies verweist auf die Rolle, die Reichspropagandaminister Joseph Goebbels in jenen Tagen einnahm, und damit auf die Frage seiner Urheberschaft und deren Motivation. Unstrittig ist, daß Goebbels mit seiner Rede allein und unmittelbar die pogromartigen Ausschreitungen initiiert hatte. Zeugenaussagen geben an, daß er nach dieser Rede in seinem Hotelzimmer verschwand, um persönlich über die Reichspropagandaleitung die Gauleitungen und die Gaupropagandaämter in seinem Sinne mit Weisungen zu versehen. Sein Fernschreiben um 1.40 Uhr belegt ebenso unmissverständlich seinen Versuch, die Aktion weiterhin anzuheizen und zugleich über die ihm unterstellten Parteiämter die Kontrolle über die Aktion zu behalten. Man muß sehr bezweifeln, daß Goebbels an jenem Abend mit ausschließlich propagandistischen Hintersinn handelte. Wie Aussagen von Zeugen und Freunden und seine eigenen Tagebücher belegen, war er tatsächlich ein überzeugter Antisemit, dessen Ausbrüche allerdings immer derart propagandistisch kalkuliert waren, daß sein Judenhaß durchweg einen zweckhaften Zug trägt. Zweifellos hatte er instinktiv sofort erkannt, welche Möglichkeiten für Massenagitation der Anschlag auf den Diplomaten gerade in der Situation der Judenpolitik im November 1938 bot. Wieder einmal, wie 1933 und bei den »Nürnberger Gesetzen«, standen sich eine gemäßigte und eine kompromißlose Fraktion in der Frage der Judengesetzgebung gegenüber. Bei der bislang ständig zögerlichen, eindeutigen Entscheidungen ausweichenden Haltung Hitlers durfte es keineswegs als sicher gelten, daß er öffentlich für eine huf harte Linie votierte. Hitler hatte bislang noch immer seinen Haß auf Juden zu verdecken und zu verschleiern gewußt und sich bei allen Entscheidungen auf den Willen des Volkes, der Partei, der Bewegung berufen. Eine derartige, erwünschte »spontane« Äußerung des Volkswillens war bis zum 7. November nicht zu erwarten gewesen; auch j d G d der Anlaß nach den erschöpfenden und beängstigenden Tagen der Sudetenkrise, vom »Volk« grundlos eine spontane Aktion zu erhoffen. Goebbels wußte seit langem, daß Hitler mit Zorn die langwierige, 7 umständliche, an Gesetzen orientierte Arbeit der Ministerien verfolgte 11 und sich demgegenüber eine seinem Denken gemäße schnelle und radikale Lösung der wirtschaftlichen Seite der »Judenfrage« wünschte. Der Anerkennung und Dankbarkeit Hitlers durfte derjenige gewiß sein, der es verstand, diese radikale Lösung zu provozieren, ohne ihn, den Führer und Reichskanzler, öffentlich als Hauptantreiber zu kompromittieren. Und gerade Hitlers Gunst bedurfte Goebbels im Spätherbst 1938 sehr. Durch private Probleme war sein Verhältnis zu Hitler während der vergangenen Monate äußerst gespannt geworden. Hinzu kam noch, daß der Reichskanzler mit der Feststellung, daß die Nachrichtenlenkung viel von ihrem früheren Schwung verloren habe, auch noch die beruflichen Fähigkeiten seines Propagandaministers in Zweifel zu ziehen begann. Herschel Grynszpan jedenfalls schien geeignet, alle Probleme Goebbels' mit einem Schlage zu lösen, wenn es gelang, das Attentat propagandistisch zu nutzen. Ohne Zweifel erkannte Goebbels sofort, daß dieses Attentat die einmalige Gelegenheit bot, die Judenpolitik des Dritten Reiches entscheidend und in verschärfter Form weit voranzutreiben. Mit Sicherheit kann man von der Tatsache ausgehen, daß Goebbels unmittelbar nach dem Bekanntwerden des Attentats mit Hitler Kontakt aufnahm, um die geeigneten Möglichkeiten für die Presseinformation zu besprechen. Sicherlich vermied Hitler jede sofortige Festlegung mit dem Hinweis, daß man das Befinden des Opfers abw( müsse. Es blieb bei den bekannten Drohungen des »Völkischen Beobachters« am 8. November. Weder die Partei noch Goebbels oder gar Hitler äußerten sich zur Lage. Der Reichskanzler ging noch nicht einmal in seiner obligatorischen Bürgerbräukeller Rede am Abend des 8. November auf diesen Vorfall ein, der doch angeblich eine der frechsten Provokationen des Weltjudentums darstellte. Immerhin, er entsandte seinen Begleitarzt Dr. Brandt nach Paris, und man darf erwarten, daß dieser Hitler über den Zustand des Opfers fortlaufend informierte. Was immer Hitler und Goebbels oder der Reichspropagandaminister allein sich am Tag. nach dem 7. November überlegt haben mögen, das Ereignis im »Alten Rathaus« in München sieht nach dem Ablauf dieses Tages doch sehr nach einer sorgfältigen Inszenierung aus. Hitler wird das Telegramm mit der Meldung vom Tode des deutschen Gesandten um 20.45 Uhr überreicht. Wer immer diese Bühne und dieses Publikum gewählt haben mag, hinter diesem Vorgang steht eine planende, zielbewußte und zweckgerichtete Absicht. Denn ohne jeden Zweifel: Diese Meldung wurde bewußt verzögert, sie wurde bewußt zurückgehalten, bis sie Hitler exakt an diesem Ort und vor diesem Publikum erreichen konnte. Denn vom Rath war spätestens um 17.30 Uhr verstorben. Brandt befand sich im Krankenhaus, das " nM eMMrgele nTre Wolffsche Telegraphenbüro unmittelbar vor Ort. Es ist undenkbar, daß eine derartige Nachricht mehr als drei Stunden brauchte, um bis zu Hitler zu kommen. Der weitere Fortgang des Abends beweist mehr als deutlich, daß sich zumindest vom Zeitpunkt der Todesmeldung an Hitler und Goebbels einig waren und alle weiteren Maßnahmen fortan zwischen ihnen abgesprochen wurden. Dies gilt nicht allein für die Ausschreitungen selbst, sondern auch und gerade für die ferner angepeilten Ziele. Es mag dem tobenden Göring aus mangelnder Kenntnis nicht bewußt geworden sein, daß er mit seiner Feststellung, die er am 18. November 1938 traf (»Sehr kritische Lage der Reichsfinanzen. Abhilfe zunächst durch die der Judenschaft auferlegte Milliarde und durch die Reichsgewinne der Arisierung jüdischer Unternehmen«), gerade auf eine der Absichten aufmerksam machte, die Goebbels bewogen hatten, die »Reichskristallnacht« gemeinsam mit Hitler in Gang zu setzen. Denn es war Goebbeis gewesen, der bereits am 10. November Hitler den Vorschlag einer »Sühneleistung« unterbreitet hatte. Und wie eng Hitler mit dem Anstoß zu dem Pogrom verbunden war, erweist die Bemerkung Goebbels', er habe bewußt die Vorgänge provoziert, um den zögernden Reichswirtschaftsminister Funk und sein Ministerium in der Judenfrage endlich 7.um Handeln zu zwingen. Der Reichsführer SS bestätigte dies indirekt, indem er Funk Vorhq n machte: Diese Ausschreitungen hätten vermieden werden können, wenn er (Funk) härter und energischer schon früher die Juden »angepackt hätte«. Insofern darf man mit großer Berechtigung von der Tatsache ausgehen, daß Goebbels und mit ihm Hitler seit dem 7.November 1938 Pläne ventilierten, die in engstem Zusammenhang mit dem Attentat standen und nur mit diesem »im Verbund« realisiert werden konnten. Es ging um die Behebung einer finanziellen Notlage des Reichs, um die endgültige Ausschaltung der jüdischen Deutschen aus der Wirtschaft. Gewünscht war nach dem Willen Hitlers ihre Vertreibung aus der deutschen Öffentlichkeit in eine diskriminierte und kriminalisierte Randexistenz in der nationalsozialistischen Gesellschaft. Insofern erweist sich die »Reichskristallnacht« kaum als eine vorgeplante und inszenierte Aktion des Nationalsozialismus. Sie ist charakterisiert durch die bewußte, klug inszenierte und gewissenlos betriebene Ausnutzung einer Situation, die weitere Perspektiven eröffnete, welche spätestens zu diesem Zeitpunkt in Umrissen den Willen auch zur physischen Vernichtung erahnen ließen. 1992 erschien im Ch. Links Verlag ein vielbeachtetes Lexikon Über rund 1500 wichtige Personen des öffentlichen Lebens der ehemaligen DDR. 1994 folgte eine konzeptionell neu gestaltete und stark erweiterte Ausgabe in elektronischer Form. Sie ist die Grundlage dieser erneut aktualisierten Taschenbuchausgabe. Nicht nur wurde der Personenkreis vergrößert der Band enthält jetzt 2157 Biographien , sondern in der vorliegenden Ausgabe werden auch Daten berücksichtigt, die über den 3. Oktober 1990 hinausreichen. Außerdem vermerkt das biographische Handbuch die Stellung der jeweiligen Persönlichkeit innerhalb des gesellschaftlichen Systems der DDR und weist wichtige Auszeichnungen sowie nachgewiesene Tätigkeiten für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) aus. Dieses Personenlexikon wird für viele Jahre ein Standardwerk und ein unentbehrliches Arbeitsmittel zur Auseinandersetzung mit der Geschichte der DDR sein. Die Herausgeber: Bemd Rainer Barth Jahrgang 1957, Philologe und Literaturhistoriker; Arbeit in der Migrationsforschung, jetzt zeitgeschichtliche Forschungstätigkeit an der FU Berlin; zahlreiche Publikationen und Übersetzungen aus dem Ungarischen. Christoph Links Jahrgang 1954, Philosoph, Sachbuchautor, Verleger; jüngste Veröffentlichungen: Wir sind das Volk (gem. mit Hannes Bahrmann), Berlin und Wuppertal 1990; Das Ende eines Geheimdienstes (gem. mit Anne Worst), Berlin 1991; Chronik der Wende (gem. mit Hannes Bahrmann), Berlin 1994. Helmut Müller Enbergs Jahrgang 1960, Politologe, Wiss. Mitarbeiter beim Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes; jüngste Veröffentlichungen: Der Fall Rudolf Herrnstadt, Berlin 1991; Von der Illegalität ins Parlament Werdegang und Konzepte der neuen Bürgerbewegungen (gem. mit Marianne Schulz und Jan Wielgohs), Berlin 1991; Das Fanal Das Opfer des Pfarrers Oskar Brüsewitz (gem. mit Heike Schmoll und Wolfgang Stock) Berlin 1993 Wailldi Augsburg 1993. Jan Wielgohs Jahrgang 1957, Dr. phil., Soziologe, Wiss. Mitarbeiter der Max Planck Gesellschaft, AB »Transformationsprozesse«. Publikationen insbes. zur Entwicklung der ostdeutschen Bürgerbewegung, zuletzt: Von der Illegalität ins Parlament Werdegang und Konzepte der neuen Bürgerbewegungen, Berlin 1991; Bündnis 90 Entstehung, Entwicklung, Perspektiven (jeweils gem. mit Helmut Müller Enbergs und Marianne Schulz), Berlin 1992. Kaufmann,Hans Staatsvertrag DDR Bundesrep. Dtl. über die Währungs , Wirtschafts und Sozialunion; ab 16.8. amt. Min.; Okt. Febr. 1993 Mitgl. des Landtags Mecklenburg Vorpommern, Vors. des Landwirtschaftsaussch. u. stellv. Vors. der SPDFraktion; stellv. Landesvors. der SPD, 1993 Vorstandamitgl. der Stiftung Forschungsinst. für die Biol. landw. Nutztiere Dummerstorf Rostock u. Dir. des Inst.; über hundert wiss. Veröff., u. a. Nährstoffverwertung beim Wiederkäuer. Jena 1974 (Mitautor). Kaufmann, Hans 31. 3.1926 Germanist, Hochschullehrer Geb. in Berlin, Vater Textilzeichner; Gymnasium; 1943/44 Luftwaffenhelfer, RAD, 1944/45 Wehrmacht, 1945 47 frz. Gefangenschaft. 1948 Abitur an der Vorstudienanstalt Berlin; 1948 52 Studium der Germanistik u. Geschichte an der HU Berlin; anschl. hier Assistent, Aspirant, 1956 Dr. phil. mit einer Diss. über Heines »Wintermärchen«, danach Habilaspirantur u. Wahrnehmung einer Doz., 1959 61 Prof. an der HU, 1962 Habil. mit »Bertolt Brecht. Geschichtsdrama und Parabelstück«; 1962 68 Prof. an der FSU Jena; 1963 69 Mitgl. des Vorst. des DSV; seit 1968 an der DAW, 1973 76 stellv. Dir. des ZI für Literaturgeschichte der AdW; 1976 NP 2. KL; 1991 ein. Forschungsarbeiten zur neueren u. neuesten dt. Lit., bes. zu dt. Klassik, Vormärz, Expressionismus, DDR Lit.; Hauptautor u. Ltr. versch. Autorenkollektive, so der »Geschichte der dt. Lit.« Bde. 9 u. 10 (1973ff.), »Krisen u. Wandlungen. Aufsätze zur dt. Lit. von Wedekind bis Feuchtwanger« (1966), »Tendenzen u. Beispiele. Zur DDR Lit. in den 70er Jahren« (1981); Aufsätze u. Kritiken zur DDR Lit. Kaufmann, Walter 19.1.1924 Generalsekretär des PEN Geb. in Berlin, Mutter Verkäuferin; 1926 Übernahme der Pflegschaft von der arbeitslosen Mutter durch ein vermögendes jüd. Ehepaar in Duisburg; 1938 Verhaftung der Pflegeeltern in der »Reichskristallnacht«, später Ermordung im KZ; K.. gelingt die Flucht über die Niederlande nach Großbritannien; 1939 Internierung u. 1940 Evakuierung nach Australien, zunächst Arbeit als Obstpflücker; 1941 45 Kriegsfreiwilliger in der austral. Fremdenlegion. Nach 1945 Gelegenheitsarbeiten als Straßenfotograf, Hafen u. Schlachthausarbeiter sowie als Seemann; 1955 Rückkehr nach Europa; nach Reisen durch Polen, Westdtl. u. die UdSSR 1956 Ansiedlung in der DDR; zunächst wieder Seemann, dann freier Schriftst.; SED; 1967 Heinrich Mann Preis; 1975 Mitgl. des PEN, 1985 93 Generalsekr. des PEN Zentrums DDR (Nachf. von Henryk Keisch). 1993 Ruhrgebiets Literaturpreis; lebt in Berlin. Publ.: Feuer am Suvastrand. Berlin 1961 19 ; am Ende der Welt. Berlin 1969; Am Kai der Hoffnung. Berlin 1974; 1 seits der Kindheit. Berlin 1985; Fremantle. Berlin 1986; Die Zeit be ren Mosaik eines Lebens auf drei n nenten. Berlin 1992. Kaul, Friedrich Karl 21.2.1906 16.4.1981 Rechtsanwalt, Schriftsteller Geb. in Posen, Vater Kaufmann; R gymnasium in Posen u. Berlin, 1925 S dium der Rechtswiss. in Berlin u. Hei berg, 1929 Referendarexamen in danach Assistent an der jur. Fak. der Berliner Univ., 1931 Porn.; 1931/32 im Anwaltsbüro von Justizrat Pinner in Berlin tätig; 1932 KPD; 1933 Entlassung aus dem Justizdienst wegen jüd. Abstammung, tätig als Versicherungsvertreter u. Rechtskonsulent; ab 1935 KZ Lichtenburg u. Dachau; 1937 Emigration nach Kolumbien u. Mittelamerika, Büroangestellter u. Bauarbeiter; 1939 dt, Staatsbürgerschaft aberkannt; 1941/42 in Nikaragua als feindl. Ausländer interniert u. an die USA ausgeliefert, bis 1945 im Antinazi Camp Kennedy (Texas) interniert. Sept. 1945 Rückkehr nach Dtl.; 1946 Referendar u. Hilfsrichter am Landgericht Berlin; SED; seit Juli 1946 Justitiar beim Berliner Rundfunk, 1947 bei der Dt. Verwaltung für Volksbildung; Nov. 1947 Assessorexamen, 1948 vorläufige, 1949 endgültige Zulassung als Rechtsanwalt, 1956 im KPD Proze2 Verteidiger vor dem Bundesverfassungsgericht der Bundesrep. Dtl , Verteidiger von KPD u. FDJ Mitgl. in pol. Prozessen, Nebenkläger in Prozessen gegen NS Gewaltverbrecher, u. a. 1964 66 Frankfurter Auschwitz Prozeß, 1970 Düsseldorfer Treblinka Prozeg, 1960 Prof., 1965 'Lehrbeauftragter und Dir. des neugegr. Ißst. für zeitgenöss. Rechtsgeschichte an der HU Berlin; 1962 Vizepräs. der Vereinigung Demokr. Juristen; Chefiustitiar du Staatl. Komitees für Rundfunk u. Fernsehen; 1971 VVO in Gold; 1975 v. Vors. der intern. Chile Kommisn; Autor von Kriminalromanen, Tatenerzählungen u. berichten sowie Hör u. Fernsehspielen, Moderator Fernsehsendung »Prof. Dr. Kaul antrtet«. L: Ankläger auf der Anklagebank. n 1952; Der Pitaval der Weimarer 2 Bde. Berlin 1953 u. 1961; Der Fall Herschel Grynszpan. Berlin 1965; te. Ein Menetekel für die USA. 1975. Ein biographisches Handbuch Herausgegeben von Bernd Rainer Barth, Christoph Links, Helmut Müller Enbergs und Jan Wielgohs Fischer Taschenbuch Verlag |
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