| Vincent C. Frank: Das Attentat von Herschel Felber Grynszpan auf Ernst vom Rath vom 7.11.1938 in Paris
Thema: Ausgehend von der These eines politisch (oder persönlich) motivierten Attentats des Grynspan auf vom Rath präsentiert Herr Frank seine Indizien für eine Falsifizierung dieser These, kann aber keine hinlänglich belegbare oder überzeugende Gegenthese aufstellen. Da er solchermaßen (gelegentlich durchaus überzeugende) Kritik anmeldet, aber selbst keinen Gegenentwurf entwickeln kann, hängen seine Überlegungen gewissermaßen in der Luft. Frank äußert zwar die Vermutung eines SD-gesteuerten Attentats (Gynszpan als SD-Agent) als Vorwand für die Radikalisierung der Judenpolitik, kann dies aber nicht hinreichend belegen. Methode: Herr Frank bedient sich keiner historischen, sonder einer eher sozialwissenschaftlichen Methode. Er konstituiert "thesis" und "antithesis", formuliert dann "facts" als Einwände gegen die "thesis", welche er seinerseits mit eigenen Kommentaren ("commentaries") versieht. Dadurch ergibt sich eine sehr zersplitterte, inhomogene Darstellung, die in dieser Form nicht veröffentlicht werden kann. Einschätzung: Meiner Meinung nach nimmt Herr Frank zu selbstverständlich eine rationale und längerfristige Vorbereitung der Pogrome durch SS und SD an. Ein Artikel im Schwarzen Korps vom 7.11.1938 mit einer Übersicht der jüdischen Geschäfte auf dem Kuhdamm in Berlin kann noch nicht als Indiz für von langer Hand geplante Zerstörungsaktionen gelten, ebensowenig die Aussparung eines jüdischen Juweliergeschäfts in Köln, welches kurz zuvor den Besitzer gewechselt hatte. Auch den Brief Lise Meitners an Otto Hahn, wo sie davon berichtet, im Jahr 1938 hätten die Nazis weitere antijüdische Maßnahmen geplant, sollte man nicht überinterpretieren, sondern eher in den Kontext der sogenannten "dritten antisemitischen Welle" (Longerich) und der entsprechenden Zwangsmaßnahmen gegen Juden stellen (insbesondere fortschreitende "Ausschaltung" der Juden aus dem Wirtschaftsleben). Mit Blick auf den Novemberpogrom wäre zu fragen, inwiefern SS und Polizei überhaupt auf die "Aktionen" vorbereitet waren, was im Falle einer "Verschwörung" der Fall gewesen sein müßte. Gewichtiger ist der Hinweis auf die zahlreichen Ungereimtheiten des Falles Grynszpan in Paris und in Deutschland: Wie Frank zeigen kann, wurden die Aufnahme des Tatortes, die Obduktion des Opfers, die Erfassung der Zeugenaussagen und auch die Vernahme des Täters in Paris erklärtermaßen nachlässig durchgeführt. Auch die Fragen, warum der anberaumte Schauprozeß 1942 nicht abgehalten wurde und wo Grynzspan nach 1945 verblieb (bzw. ob er überlebte), bergen viel Potential für Spekulationen. Hier müßte man jedoch die (unzulängliche) Aktenlage präzise auswerten und zunächst die vorhandene Forschungsliteratur übersichtlich darstellen und dann erst schlüssig kommentieren bzw. neu interpretieren. Generell erscheint mir, daß Herr Frank viele interessante und widersprüchliche Fakten im Umfeld des Attentats gesammelt hat, die der bislang üblichen Interpretation (persönliche Verzweifelungstat) zusätzliche Komponenten hinzufügen und zumindest Zweifel an den bisherigen Interpretationen wecken. Dennoch sollte man die Ereignisse von Paris nicht überbewerten, etwa als "erste Schüsse des zweiten Weltkrieges" und als Auslöser der Judenvernichtung ohne daß auf die graduelle Ingangsetzung der "Endlösung" eingegangen wird. Es wäre generell die Frage zu bedenken, inwiefern es jenen Attentats (beziehungsweise der angenommenen "SS-Verschwörung") überhaupt "bedurfte" oder ob die Zeit ohnehin "reif" schien für eine Radikalisierung der "Judenpolitik", also das Attentat von Paris bestenfalls der NS-Propaganda als willkommene Rechtfertigung diente. Wenn Frank seine Vermutung einer "SS-Verschwörung" jedoch als "Coup" bezeichnet, welcher Heydrich gelang und den dieser durch perfekte Tarnung vor den Zeitgenossen und der Nachwelt verheimlichte, scheint mir dies eher ein Rückfall in intentionalistische Interpretationsmuster. Ich würde dafür plädieren, zuerst den historischen Kontext (Antisemitismus, antisemitische Wellen in Deutschland, Arisierung, Entwicklung der Vernichtungspolitik) darzustellen, dann die bisher in der Forschungsliteratur vertretene Einschätzung zu diskutieren und schließlich einen alternativen Deutungsentwurf zu entwickeln, wobei ein differenzierter Umgang mit dem Quellenmaterial (Zitation) dringend anzuraten wäre. |
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