| Hans Schwarz
Wir haben es nicht gewusst Erlebnisse, Erfahrungen und Erkenntnisse aus dem Konzentrationslager Dachau. KZ Gedenkstätte Dachau Archiv 21.523 "KRISTALLNACHT" - JUDEN - AKTION 1938 Am 22. und 23. September 1938 wurden die letzten 5.000 Juden, die sich im Konzentrationslager Dachau befanden, nach Buchenwald transportiert. Es blieben sieben oder acht, die im Revier lagen. Das Konzentrationslager Dachau war auf Befehl "judenrein" gemacht worden. Dies entsprach einer Weisung des Generalinspekteurs für die deutschen Konzentrationslager Gruppenführer Glücks. Am 25. Oktober 1938 erhielt der damalige SS-Oberscharführer Weber, der Leiter der Gefangenenkammer im Lager, den schriftlichen Auftrag, 5.000 Drillichgarnituren - leichte Sommerbekleidung - mit Judensternen zu versehen. Dieser Auftrag wurde mir als Mitglied der Lagerschreibstube vom Verwaltungsführer des KZ Dachau zwecks Übergabe an den Leiter der Gefangenenkammer ausgehändigt. Damals erschien mir dieser Auftrag rätselhaft. Hatten wir noch vor wenigen Wochen die letzten jüdischen Häftlinge nach Buchenwald geschickt. Nun erschoss Herschel Grynszpan in Paris den deutschen Botschaftsrat Dr. von Rath. Ein "spontaner" Akt holte die Juden in ganz Deutschland in der Nacht des 9. November 1938 aus den Betten, folterte, quälte Zehntausende von ihnen, trieb die Reichen zusammen, plünderte ihre Geschäfte, belästigte ihre Frauen, schändete ihre Synagogen. Nun, es ist inzwischen dokumentarisch bekannt, dass dieser Befehl in den Gestapoleitstellen des ganzen Landes schon längere Zeit lag. Ein Stichwort löste diese "spontane Aktion" aus. In der Nacht vom 11. auf den 12. November trafen die ersten Juden, wie sie auf der Strasse angetroffen wurden, wie sie aus den Betten geholt worden waren, im Lager Dachau ein. Seit dem 9. November 1938 war die ganze SS-Bewachungsmannschaft im Lager kaserniert, Man sagte ihnen geheimnisvoll, es werde eine "wichtige Sache starten". Die ersten 2.000 aus München und aus Bayern. Junge, alte Männer, ja Greise. Der Jüngste zählte 13 1/2 und der Älteste 96 Jahre. Interessant war, dass keine Arbeiter dabei waren, sondern meistens Kaufleute und Männer mit bedeutendem Besitz. Wie kamen diese Menschen im Lager an. Zerschunden, zerschlagen, mit Beulen und offenen Wunden, das Gesicht und die Hände verbrannt vom Feuer, in das man sie geworfen hatte. Verschreckt und voll Sorgen um die Ihren. Weswegen? Waren sie Gegner? Hatten sie sich gegen den Nationalsozialismus betätigt? Nein, nein und nochmals nein! Sie wurden zusammengefangen, einzig und allein, weil - sie Juden waren. Vom Bahngeleise an wurden sie mit Gewehrkolben geschlagen, getreten, mit Bajonetten gestochen, beschimpft und von der SS gequält. 1938 waren noch die "alten Kämpfer" bei der SS und besonders beiden Wachmannschaften der Konzentrationslager, denn sie waren Freiwillige. Und da Nazis konsequente Judengegner waren und die SS die "politischen Soldaten" des Nazismus, die immer wieder riefen: "Wer vom Juden frisst, stirbt am Juden!" und "Gemeinnutz geht vor Eigennutz!", plünderten sie zuerst die Juden aus. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Sie nahmen alles fort, was nur des Nehmens wert schien. Uhren, Ringe, Füllfedern, Zigarettenetuis, goldene Brillen usw. Alles ging den Weg des SS-Mannes. Und da die SS-Leute "mildtätige Seelen" waren, die Gefangenen "human" behandelten, gaben sie dem Juden, der für ein Glas Wasser 50 oder mehr Mark bezahlte, zu trinken. Nachher allerdings liessen sie ihn für die "Bestechung" auspeitschen und nahmen ihm sein ganzes Geld ab. So geschehen durch Hauptsturmführer Grünwald, dem damaligen Schutzhaftlagerführer, den Rapportführer Remmels, SS-Hauptscharführer Schmidt, den berüchtigten SS-Banditen SS-Oberscharführer Seuss I und II - zwei Brüder - SS-Oberscharführer Senkeis, SS-Oberscharführer Wagner und andere. Der Schutzhaftlagerführer Grünwald und sein Stellvertreter SS-Untersturmführer Fritsch liessen sofort zehn Juden herholen und sie vor den versammelten Juden über den Bock legen, wo ihnen offiziell "zehn" und in Wirklichkeit zwanzig oder mehr Stockhiebe verabreicht wurden mit dem Bemerken: "damit sie wüssten, wo sie wären" und "damit sie wüssten, dass sie sich in einem nationalsozialistischen Umschulungslager befänden". Alte, kränkliche Menschen wurden von zwei Blockführern unter der kalten Brause im Bad solange gehalten, bis sie ohnmächtig zusammensanken. In zahlreichen Fällen wurde ein starker Strahl kalten Wassers auf den Betreffenden gerichtet oder direkt in den Mund, bis das Opfer zusammenbrach. Dann gings unter Schlägen, mangelhaft bekleidet - Hemd, Hose, Rock (im November 1938 mit Sommerkleidung), Schuhe - in den Block. Dieser, für 204 Häftlinge berechnet, fasste 1.000 und noch mehr von ihnen. So kamen in den nächsten vierzehn Tagen mehr als 13.000 Juden ins Lager Dachau. Eine Episode sei noch erzählt. Sie kann nachgeprüft werden. Unter den Tausenden waren auch vier "jüdisch" aussehende Mitglieder von Konsulaten und Gesandtschaften, denen die Haare geschoren wurden - wie jedem neu eingelieferten Häftling - und die nach wenigen Stunden durch die Intervention ihrer Länder wieder eingekleidet werden mussten. Sie wurden unter "Entschuldigungen" vom Lagerkommandanten SS-Obersturmbannführer Alexander Piorkowski persönlich entlassen. Natürlich unter Zurücklassung ihres Haares und anderen Schmuckes. Denn bei einzelnen war dieser nicht mehr aufzufinden. Nun begann das grosse Judensterben. Jeder Blockführer - ein SS-Mann, der einen Block als Verantwortlicher unter sich hatte - konnte mit einem Juden tun, was ihm beliebte. Betrat er die Stube, musste alles stillstehen. Dies war schon allgemeines Lagergesetz. Beiden Juden hingegen war "Befehl", dass sie sich hinlegen mussten. Nun war dies schon aus Platzmangel völlig unmöglich. So kam es, dass zahllose stehen bleiben mussten, da sie ja keinen Platz zum Hinlegen fanden. Dann schlugen diese SS-Häscher wüst auf die Köpfe. Es gab aber einen weiteren "Befehl": Juden dürfen nicht ins Revier aufgenommen werden. Wenn auch politische Gefangene manchen dieser schwer misshandelten Juden doch ins Revier brachten, alle hinzubringen war unmöglich. Ein weitere Befehl lautete hingegen, dass jeder, der krank war oder Wunden hatte, nicht auf dem Block bleiben durfte, "da er an seiner Gesundheit Sabotage treibe". Also war jeglicher Schikane Tür und Tor geöffnet. Während 1938 die Todeszahl täglich drei bis fünf betrug, erhöhte sich diese auf 17, ja, sie stieg an manchen Tagen auf 25. Im kalten Frühmorgen mussten alle Gefangene um 4 Uhr 30 aufstehen. Die Juden eine Stunde früher. Die Juden mussten ihr Frühstück drausseneinnehmen. Wegen Platzmangel. Die Juden mussten "Sport" betreiben, damit sie "gesund" blieben. Sie wurden im Laufschritt herumgejagt und mussten singen gewiss: Die mussten auch die anderen Häftlinge. Bei ihnen dachte man sich etwas "Besonderes" aus: Hetzlieder auf die Juden. Selbstmorde waren an der Tagesordnung. Bekamen sie von der Kammer nur Hemd, Drillichjacke, Drillichhose, Schuhe geliefert, so besorgte ihnen die Kantine Unternehmer war die SS-Kantinengemeinschaft Dachau freundlichst im Winter 1938 Socken zu RM 6.--, Pullover im Werte von RM 4.50 für RM 24.--, Hemden für RM 12.--(Anschaffungspreis RM 4.50) usw. Also die SS machte mit ihnen Geschäfte. Täglich wurden in der Kantine mehr als RM 85.000.-- umgesetzt. Jeder Gefangene durfte nur wöchentlich RM15.-- verbrauchen. Wehe, wenn er einen Pfennig mehr in der Tasche hatte und erwischt wurde; dann bekam er 25 Stockschläge und das Geld wurde beschlagnahmt. Die jüdischen Häftlinge hingegen konnten das ganze Geld verwenden. Aber wurde er mit mehr als RM 15.in der Tasche erwischt, Ihm erging es dann ebenso wie seinem arischen Kameraden. Er bekam seine Tracht Stockhiebe, meistens noch mehr, da er ja in der SS-Sprache "Judenschwein" war, und war sein Geld los. Jedoch war es nicht sicher, dass in jedem Falle das Geld bei der Lagerführung abgeliefert wurde. Die meisten dieser jüdischen Häftlingen, wenn sie sich zur Auswanderung bereit erklärten - und wer hätte nach dieser freundlichen Behandlung sich nicht bereiterklärt wurden nach einigen Wochen freigelassen. Jedoch nicht früher, bis die findigen Geschäftemacher, wie SS-Obersturmbannführer Piorkowski, noch ihre "Privatgeschäfte" gemacht hatten. Eines Tages gab mir ich arbeitete damals in der Lagerschreibstube Piorkowski den Auftrag: "Stellen Sie fest, wer einen guten Privatwagen und die dazu nötigen Papiere hat!" Auf meinen fragenden Blick antwortete er: "Die Wagen dürfen aber nicht so teuer sein. Sie werden für das Reich benötigt. Haben Sie verstanden?" Dies liess ich durch die Blockschreiber in einzelnen Block ausrufen. Einigen meiner Freunde liess ich diese Nachricht zukommen und gab ihnen entsprechende Verhaltungsmassregeln. Dutzende und Aberdutzende meldeten sich. Wir mussten genaue Listen über Marke, Brennstoffverbrauch, Zustand, Anschaffungswert, gefahrene Kilometer, Verkaufspreis anlegen. Abends standen die "Verkaufswilligen" vor der Lagerschreibstube. Piorkowski liess sich jeden einzelnen in die Lagerschreibstube rufen. Dialog: Piorkowski: "Ihrer Entlassung steht nichts im Wege, wenn Sie bereit sind, auszuwandern." Häftling: "Jawohl, Herr Lagerkommandant!" P: "Sie wollen Ihren Personenwagen dem Reich zum Geschenk machen?" Häftling: (wenn er einer von der ängstlichen Sorte war) "Ja!" P: (zu dem Häftlingsschreiber gewandt) "Geben Sie die Schenkungsurkunde her!" Lesend: "Herr N.N. erklärt, dass er an Herrn Pioworkoski (sogar der Titel und der Rang waren weggelassen) einen Personenwagen der Marke XYZ Nr. XX als Geschenk übergibt. Die Schenkungsurkunde wird beim Notar XX kosten- und stempelfrei hinterlegt. Unterschrift". H.: (wenn er ein weniger ängstlicher war) : "Herr Kommandant, mir wurde mitgeteilt, dass ich ihn zu einem Preis verkaufen soll, der unter dem Anschaffungswert liegt." P: "Saujude! Mach schnell, wieviel?" Wer mehr als RM. 1.000.- sagte, flog raus. Unter RM. 1.000.- wurde gehandelt. So wurden Wagen mit einem Anschaffungswert von RM! 14.0000.- bis RM. 20.000.- um RM, 500.-, 400.-, 300.- und sogar um RM. 250.- verkauft. "Also RM 500.-." H.: "Ja, Herr Lagerkommandant". P: "Unterschreiben Sie!" An den Lagerschreiber gewandt: "Geben Sie die Verkaufsbescheinigung ....... |
[ top of page ]