Erinnerungen von Irma Meyer

"Mein Name ist Irma Meyer. Ich bin in 1923 in Breuna, Bezirk Kassel, geboren, die Tochter von Moritz und Betty Hamberg und Enkelin von Baruch Hamberg. Ich hatte eine Schwester, Susanne die in 1929 geboren war. Meine Familie hat viele Generationen in Breuna gelebt. Unser Familienname ist nach dem Berg "Hamberg" genannt worden, als es den Juden am Anfang des 19. Jahrhunderts erlaubt wurde, Nachnamen anzunehmen. Bis zur Hitler Zeit hatten wir ein gutes Verhältnis mit unseren Mitbürgern. Wir hatten etwas Landwirtschaft und ein kleines, aber gutgehendes Geschäft, welches vielen Kunden in der Umgebung gedient hat.

Wie Hitler zur Macht kam haben Letzte, die ans freundlich gesonnen waren, sich plötzlich gegen uns gewandt und ans als Feinde angesehen. Die Maßnahmen gegen die Juden wurden stets härter. Zum Beispiel: Wir durften nicht nach acht Uhr abends auf der Straße sein, oder mußten eine besondere Erlaubnis haben, etwas Wichtiges zu erledigen. Wir konnten nur zweimal die Woche unsere Lebensmittel einkaufen und dann nur morgens vor acht Uhr, damit wir nicht mit "Ariern" in Kontakt kämen. Keiner durfte uns in irgendeiner Weise behilflich sein. Für mich persönlich wurden die Schuljahre unertragbar. Ich war zur Zeit das einzige jüdische Kind in der Schule, und mußte alleine in einer Ecke sitzen, getrennt von den anderen Kindern. Während der "Religions Stunde" war ich entschuldigt, aber es wurde keine Religion gelehrt, sondern Haß gegen die Juden verbreitet. Bilder aus dem "Stürmer" wurden gezeigt. Die Kinder waren so aufgehetzt, daß jedes Mal, wenn ich zur Klasse zurückkehrte, sie mich angespuckt und auch oft meine Kleider zerrissen haben. Zur Mittagsstunde wurde mir das Butterbrot aus der Hand geschlagen. Täglich mußte ich mir diese Haßworte anhören, und meine Eltern wußten nie, in welcher Verfassung ich nachhause kam.

Dann kam der 9. November 1938: Wir hörten Gerüchte, daß etwas Schlimmes passieren würde. Aber wir hatten keine Ahnung, was zu erwarten war. Früh am Morgen wurden mein Vater und Viktor Braunsberg von der Polizei abgeholt, die uns keine Auskunft gab, wo sie ihn hinführten. Ab und zu während des Tages hat man Steine gegen unser Haus geworfen. Wir fragten die einzige andere jüdische Familie in Breuna, Emmy Braunsberg, mit alten Schwiegereltern, zu uns zu kommen, um aneinander Trost zu finden. Und uns zu beschützen, haben wir oben in einem Zimmer nach hinten gesessen, und einen Schrank vor das Fenster gestellt, damit wir nicht von den Steinen getroffen wurden. Eine Menschenmenge hatte sich draußen angesammelt. Wir hörten die Fensterscheiben fallen. Wir hatten große Angst und wußten kaum, was zunächst geschehen würde. Dann, mit einem furchtbaren Krach, kam die Nazihorde durch die Türe, mit Beilen, Latten und Stöcken bewaffnet, und haben alles in ihrem Weg zerbrochen. Wir wurden aus dem Haus kommandiert, auf einen Lastwagen geladen, wo wir zusehen mußten, wie unser Haus zerstört wurde. Zur selben Zeit sahen wir unsere Synagoge in Flammen aufgehen. Diesen Anblick werde ich nie vergessen! Wir wurden dann nach Volkmarsen zum Polizeiamt gefahren und in sogenannte Schutzhaft genommen, wo wir einige Tage in einer Zelle verbrachten. Es war besonders schwer für das alte Ehepaar, Mathias und Helene Braunsberg, die damals fast 80Jahre alt waren. Wir wurden dann entlassen und durften wieder nachhause gehen. Was wir vorfanden, war unbeschreiblich. Alles war vernichtet. Noch nicht mal eine Tasse oder ein Glas war da zum Trinken. Die Bettkissen waren aufgerissen und Federn waren überall. Alle Möbel waren zerhackt. Es dauerte Tage, bis wir die Trümmer aufgeräumt hatten. Während dieser ganzen Zeit wußten wir nicht, wo mein Vater war. Dann hörten wir, daß er in Buchenwald wäre, und freigesetzt würde, wenn er beweisen könnte, daß er im Ersten Weltkrieg ausgezeichnet wurde. Wir schickten ihm die Beweisung, und nach ungefähr vier Wochen kam mein Vater zurück, ein alter, gebrochener Mann. Ich konnte ihn kaum wiedererkennen. Er hatte sehr in Buchenwald gelitten, konnte aber nicht darüber sprechen.

Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, mußten wir unser Haus verlassen und mit Braunsbergs einziehen. Das Haus wurde uns einfach weggenommen und Leuten gegeben, die von der französischen Grenze zurückziehen mußten. In der Zwischenzeit hatten wir unser Geschäft verloren. Mein Vater und Viktor Braunsberg wurden zur Straßenarbeit in Kassel gezwungen. Das Leben wurde täglich schwerer für uns. Wir Italien dann nur den einzigen Wunsch, das Land zu verlassen, und haben uns sehr bemüht, nach den Vereinigten Staaten auszuwandern. Ich war die erste in meiner Familie, die Bürgschaft zu bekommen. Meine Wartenummer beim Amerikanischen Konsulat war viel niedriger als die meiner Eltern und Schwester. Es ist mir gelungen, im August 1940 wegzukommen. Da durch den Krieg die Reise über den Atlantik gesperrt war, mußte ich den viel weiteren Weg nach Osten wählen, und zwar durch Litauen, Russland, Sibirien, Mandschurei und Japan, dann über den Stillen Ozean nach Seattle, USA. Die Reise dauerte ungefähr vier Wochen, bis ich in New York ankam.

Es war nicht leicht, meine Familie zu verlassen. Aber ich hatte keine Ahnung, daß ich sie nie wieder sehen würde. Meine Eltern, meine Schwester Susanne, mein Onkel Hermann, meines Vaters lediger Bruder, sowie die Familie Braunsberg sind im KZ umgekommen. Ich weiß es bis heute nicht, in welchem Lager sie vernichtet worden sind. Aber das ist ja auch jetzt egal.

Was ich immer noch nicht erfassen kann ist, wie so ein Unheil geschehen konnte, wie Millionen von unschuldigen Menschen ermordet werden konnten, und viele Deutsche behaupten, daß sie nichts davon wußten.

Was jetzt wichtig ist, ist, daß diese schreckliche Vergangenheit nicht vergessen wird, und daß besonders die Jugend, unsere Nachkommen, von der Geschichte belehrt werden müssen. "

5. September 1988


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