| aus "newsletter" vom Jüdischen Museum Wien, Ausgabe 20, Winter 1998 von Simon Wiesenthal 60. Jahrestag der "Kristallnacht" Ich habe mich viele Jahre mit den Ereignissen der damaligen Pogromnacht befaßt und mit Überlebenden gesprochen, die zur damaligen Zeit schon in Konzentrationslagern wie Dachau. Buchenwald oder Sachsenhausen inhaftiert waren. Sie berichteten mir, daß etwa zwei Wochen vor den Ereignissen, derer wir heute gedenken mit dem Bau von Baracken begonnen wurde. Sie sollten sehr schnell fertiggestellt werden, daher wurde auch während der Nächte bei künstlicher Beleuchtung durchgearbeitet. Neben vielen anderen, scheinbar unbedeutenden und damit in keinem Zusammenhang stehenden Ereignissen, war das für mich ein weiterer Beweis dafür, daß die Nazis im November 1938 eine größere Aktion gegen die Juden geplant hatten. Da kam ihnen der Tod eines kleinen Gesandschaftsrats in Paris, verursacht durch einen siebzehnjährigen jüdischen Jungen, dessen Eltern an der polnisch deutschen Grenze lebten gerade recht, Ich habe viele Berichte über die Ereignisse der Pogromnacht in den verschiedensten Orten gelesen und in allen Schilderungen die Tatsache wiedergefunden, daß es zwischen den Nazis und der Bevölkerung zu einer effektiven Zusammenarbeit gekommen ist. Es waren auch stets Einheimische, die sich bei den Brandstiftern hervorgetan haben. Nach dem Krieg habe ich versucht vor allem in Österreich die Verantwortlichen vor Gericht stellen zu lassen und bin in den meisten Fällen an der Weigerung der Augenzeugen gescheitert, etwas Konkretes auszusagen oder Namen zu nennen. Christen und Juden haben etwas Gemeinsames, die Bibel, das Alte Testament, doch wir mußten erleben, daß Christen die Bibel liebten und die Juden haßten. Man nahm uns nicht nur die Bibel, die Propheten, die Psalmen und andere religiöse Schriften; anstatt sich brüderlich mit uns verbunden zu fühlen - wo wir doch zum selben Gott beteten wollte man uns mit Gewalt "bekehren" oder vernichten. Die Synagogenbrände vor sechs Jahrzehnten waren Beginn des Infernos, das nach Auschwitz führte. Mehrere hundert Synagogen gingen in Flammen auf, 20.000 Juden wurden in Haft genommen, 35 von der Bevölkerung, oft auf offener Straße, ermordet. Danach konnte sich niemand mehr der Illusion hingeben, daß Hitler die Juden am Leben lassen würde. Die christlichen Religionsgemeinschaften. beziehungsweise ihre Mitglieder, sahen diesen Maßnahmen der Nazis entweder vom Terror zum Schweigen gezwungen zu, oder aber akzeptierten sie mit Gleichgültigkeit. Wenn wir heute der "Kristallnacht" gedenken - diese Wortschöpfung stammt nicht von Nazis, sondern wurde von der Berliner Bevölkerung erfunden müssen wir feststellen, daß die politischen Parteien in Deutschland und auch in Österreich viel zu wenig Wachsamkeit gegen Neonazismus und Rechtsextremismus entfaltet haben. Sie muß in breiten Bevölkerungskreisen verankert sein Gesetze allein genügen nicht. Die Verpflichtung zur Wachsamkeit ist der Preis für die Freiheit. Simon Wiesenthal Dokumentationszentrum des Bundes jüdischer Verfolgter des Naziregimes |
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