ENZYKLOPÄDIE DES HOLOCAUST

Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden

BAND III Q Z


Zu diesem Buch

In über 1000 Stichworten wird der Versuch unternommen, die Hintergründe, Abläufe und Auswirkungen des Holocaust zu untersuchen. Neben der gesetzlich verankerten Rassenideologie des NS Staates und den Maßnahmen der Ghettoisierung, Deportation und Ermordung der Juden wird den Verfolgten und ihren Verbänden im nationalsozialistisch beherrschten Europa breiter Raum gewidmet. Die Haltungen, die Menschen sowohl in den besetzten Ländern als auch in den freien Demokratien zu den Juden und ihrer Verfolgung einnahmen, werden ebenso untersucht wie die Auswirkungen des Holocaust nach dein Zweiten Weltkrieg.

Eberhard Jäckel, geboren 1929, ist Professor für Neuere Geschichte an der Universität Stuttgart.

Peter Longerich, geboren 1955, lehrt am Royal Holloway College der Universität London.

Julius H. Schoeps, geboren 1942, ist Professor für Neuere Geschichte in Potsdam und Leiter des Moses Mendelssohn-Zentrums für europäisch jüdische Studien an der Universität Potsdam.

Hauptherausgeber: ISRAEL GUTMAN

Herausgeber der deutschen Ausgabe: EBERHARD JÄCKEL, PETER LONGERICH, JULIUS H. SCHOEPS

Piper München Zürich

REICHSKRISTALLNACHT. Pogrom gegen die Juden in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 in ganz Deutschland und Österreich. Offiziell wurde er als spontaner »Ausbruch des Volkszorns« dargestellt, nachdem der Dritte Sekretär an der deutschen Gesandtschaft in Paris, Ernst vom Rath, von dem 17iihrigen polnischen Juden Herschel GRYNSZPAN erschossen worden war. Die Bezeichnung »Reichskristallnacht«, oft als verharmlosend und den Ereignissen nicht angemessen kritisiert, bezieht sich auf die vielen zerschlagenen Schaufenster jüdischer Läden. Die Ausschreitungen waren der Höhepunkt der Angriffe auf Juden in Deutschland und Österreich nach dem ANSCHLUSS im März 1938, fast alle Teile der NSDAP hatten sich daran beteiligt. Hermann GÖRING, verantwortlich für die Durchführung des VIERJAHRFSPLANS, hatte praktische und gesetzliche Vorbereitungen für die ARISIERUNG jüdischen Besitzes getroffen; weitere Verordnungen und Gesetze betrafen den bürgerlichen und individuellen Status der Juden und verstärkten ihre gesellschaftliche Isolierung. Die GESTAPO und die SS unter Heinrich HIMMLER und Reinhard HEYDRICH benutzten Übertretungen amtlicher Vorschriften durch Juden oder ihre »Arbeitslosigkeit« als Vorwand für umfangreiche Festnahmen und internierten Juden in den Konzentrationslagern DACHAU, BUCHENWALD und SACHSENHAUSEN. Ab Juli 1938 waren diese Lager darauf vorbereitet worden, eine noch größere Zahl von Juden aufzunehmen. Parteigenossen, Gauleiter und SA stifteten örtlich zu Überfällen auf jüdische Geschäfte und Synagogen an.

Die Behörden zwangen Juden zunehmend zum Verlassen des Deutschen Reiches, ungeachtet der Hindernisse für die Auswanderung (siehe EVIAN KONFERENZ). Immer häufiger wurden einzelne Juden oder ganze Gruppen gewaltsam vertrieben, vor allem aus Österreich und aus der Tschechoslowakei. Hinzu kam die Deportation von 17000 polnischen Juden am 28. Oktober 1938 in das Niemandsland zwischen Polen und Deutschland, nachdem die polnische Regierung beschlossen hatte, polnischen Juden die Rückkehr aus den Gebieten unter deutscher Herrschaft nicht mehr zu gestatten. Der größte Teil der Deportierten mußte sich in der Nähe der Grenzstadt ZBASZYN aufhalten. Herschel Grynszpans Eltern gehörten zu dieser Gruppe, und die Nachricht von ihrer hoffnungslosen Lage trieb den Jugendlichen zu seinem Racheakt.

Nach seinem Schuß auf vom Rath am 7. November 1938 erschien im Völkischen Beobachter, dem Organ der NSDAP, ein hetzerischer Leitartikel, und vereinzelt begannen schon am 8. November antijüdische Unruhen. Am Nachmittag des 9. November starb vom Rath. Am gleichen Abend hielt Joseph GOEBBELS eine Rede vor »alten Kämpfern« der Partei, die sich zum alljährlichen Gedenken an Hitlers mißglückten Putsch vom 8. bis 9. November 1923 in München versammelt hatten. Nach Absprache mit Hitler rief Goebbels zu »Aktionen« gegen die Juden auf. Am gleichen Abend noch wurden Anweisungen in alle Teile des Landes übermittelt. Entsprechend diesen Befehlen ermunterte die SA die Menge zur Teilnahme an den Exzessen. Synagogen wurden zerstört und niedergebrannt, die Schaufenster jüdischer Läden eingeschlagen und die demolierten Läden geplündert, jüdische Wohnungen wurden gestürmt, und vielfach wurden Juden tätlich angegriffen. Etwa 30000, vor allem einflußreiche und wohlhabende Juden, wurden fest genommen, oft mit Hilfe längst vorbereiteter Listen, und in den drei bereits genannten Konzentrationslagern von der SS gefoltert. Es war das erste Mal, dass Krawalle gegen Juden in Deutschland in diesem Umfang organisiert und von Massenfestnahmen begleitet wurden.. Obwohl die Gewalttätigkeiten offiziell am 10. November 1938 gestoppt wurden, gingen sie noch tagelang weiter. In Österreich begannen sie erst am Morgen des 10. November, verliefen aber um so heftiger: Es gab viele Festnahmen, 4600 Wiener Juden wurden nach Dachau deportiert. (4 Photos)

Heydrichs Anweisungen zu Festnahmen wurden erst nach Mitternacht an Polizei und SS ausgegeben, als die Krawalle schon im Gang waren. Heydrich und Himmler sowie Göring (der bei der Münchener Gedenkfeier nicht zugegen gewesen war) wurden von Goebbels' Initiative offensichtlich überrascht. Himmler befahl der SS, in den Quartieren zu bleiben, während es Heydrich übernahm, die Ausschreitungen in kontrollierten Bahnen zu halten: So ordnete er etwa an, jüdische Geschäfte zwar zu zerstören, sie aber nicht zu plündern; Synagogen sollten nur dann in Brand gesteckt werden, wenn umliegende Gebäude nicht gefährdet waren.

In einer vorläufigen Bewertung berichtete Heydrich Göring am 11. November 1938, daß 815 Läden, 29 Warenhäuser, 171 Wohnungen und 267 Synagogen angezündet oder vollständig zerstört worden seien (tatsächlich war dies nur ein Bruchteil der zerstörten Synagogen). Im gleichen Bericht ist von 36 getöteten und ebenso vielen schwerverletzten Juden die Rede, später wurden offiziell 91 Getötete festgestellt; hinzu kamen Hunderte, die in den Konzentrationslagern umkamen.

Auf den Pogrom folgten gesetzliche Anordnungen, die den Prozeß der "Arisierung" zugunsten einer Steigerung der Einnahmen der Regierung abschließen, die Auswanderung der Juden beschleunigen, die Juden von der übrigen Bevölkerung isolieren und die immer noch fast autonomen Organisationen der REICHSVERTRETUNG DER DEUTSCHEN JUDEN und anderer offizieller jüdischer Institutionen abschaffen sollten. Diese Anordnungen waren das Ergebnis einer von Göring einberufenen Konferenz vorn 12.November 1938. Er erklärte, daß ihn Hitler mit der Durchführung der Judenpolitik« des Reiches beauftragt habe. In der folgenden Diskussion wurden die Schäden für den jüdischen Besitz durch die »Reichskristallnacht« auf mehrere hundert Millionen Reichsmark (RM) geschätzt und die für die Besitzer der 75oo demolierten Geschäfte fälligen Versicherungssummen mit 25 Millionen RM beziffert.

Unter dem Vorwand einer Wiedergutmachung für den Mord an vorn Rath wurde der jüdischen Gemeinde eine »Sühneleistung« von einer Milliarde RM auferlegt. Die den Juden zustehenden Versicherungssummen wurden beschlagnahmt. Die Ladenbesitzer wurden zur Reparatur verpflichtet. Die »Arisierungen« sollten entsprechend den Richtlinien Hans Fischböcks, des österreichischen Ministers für Arbeit und Wirtschaft, fortgesetzt werden. Auf Heydrichs Vorschlag wurden Vorbereitungen zur Bildung der Reichsstelle für jüdische Auswanderung begonnen, die nach dem Vorbild der von Adolf EICHMANN in Österreich eingerichteten Zentralstelle für jüdische Auswanderung (siehe REICHSZENTRALE FÜR JÜDISCHE AUSWANDERUNG9WNG) im gesamten Reichsgebiet die Koordinierung der Emigration übernehmen sollte. Einige wirtschaftliche Maßnahmen wurden noch am gleichen Tag verkündet, weitere folgten in den nächsten Monaten (2 Photos). Anfang 1939 wurden die nach der »Reichskristallnacht« in den Konzentrationslagern Inhaftierten soweit sie noch lebten mit der Verpflichtung zur sofortigen Emigration und der »Arisierung« ihres Vermögens freigelassen.

Die scharfen Reaktionen auf die Ausschreitungen der »Reichskristallnacht« in der westlichen Presse und Öffentlichkeit beeindruckten die Nationalsozialisten nicht. Als Präsident Franklin D. ROOSEVELT den US Botschafter Hugh Wilson aus Protest zurückrief und seine Empörung zum Ausdruck brachte, wurde der deutsche Gesandte in den Vereinigten Staaten wegen der »amerikanischen Einmischung in innere deutsche Angelegenheiten« ebenfalls nach Deutschland zurückgerufen. Immerhin zwang jedoch der öffentliche Druck die meisten westlichen Regierungen, mehr Flüchtlinge aufzunehmen, vor allem Kinder.

Göring lenkte nun mit Himmler zusammen die »Judenpolitik« des Reiches. Goebbels verlor hingegen an Einfluß. Die Methoden der SS und des SD unter Heydrich bei stimmten das Vorgehen. Umstritten ist bis heute, ob die »Reichskristallnacht« improvisiert oder geplant war. Auf jeden Fall markiert sie einen Wendepunkt. Sie öffnete den Weg zur vollständigen Erschütterung der Position der Juden in Deutschland und war der erste Schritt zur ENDLÖSUNG (1 Photo).

Literatur

Y. Bauer, The Kristallnacht as a Turning Point. Jewish Reactions to Nazi Policies, in: L.H. Legters (Hrsg.), Western Society after Holocaust, Boulder/Colo.1983, S. 39-68.

H.J.. Döscher, Reichskristallnacht, Frankfurt a. M. 1988.

P. Loewenberg, The Kristallnacht as a Public Degradation Ritual, in: Leo Baeck Institute Year Book 32 (1987), S. 309-323.

D. Obst, "Reichskristallnachr". Ursachen und Verlauf des antisemitischen Pogroms vom November 1938. Frankfurt a.M. u.a. 1991.

W. Pehle (Hrsg.), Der Judenpogrom 1938, Frankfurt a. M. 1988.

H. Schultheis, Die Reichskristallnacht in Deutschland. Nach Augenzeugenberichten, Bad Neustadt a. d. Saale 1985.

R. Thalmann/E. Feinermann, Die Kristallnacht, Frankfurt a.M. 1987.


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