Robert Wistrich

WER WAR WER im DRITTEN REICH

Anhänger, Mitläufer, Gegner aus Politik, Wirtschaft, Militär,

Kunst und Wissenschaft Mit 290 Abbildungen

STIFTUNG MILITÄR BIBLIOTHEK BASEL

SAMMLUNG E. HERZIG

HARNACK

g / 21783 0 KATALOG



Grynszpan, Herschel (1912 )

G. wurde am 28.3.1921 in Hannover als Nachkomme polnischer Juden geboren.

Am 7. November 1938 ermordete er den Legationssekretär der deutschen Botschaft in Paris, Ernst vom Rath

eine Tat, die den Nazis als willkommener Vorwand des berüchtigten Reichskristallnacht Pogroms vom 9.November 1938 diente. G.s Vater, Sendel G., war 1911 aus Polen nach Deutschland gekommen, um, wie die makabre Ironie der Geschichte es wollte, antisemitischen Ausschreitungen zu entgehen. Sein Sohn Herschel, eines von acht Kindern, hatte 1936 ohne Schulabschluß seine Geburtsstadt Hannover verlassen und lebte kurze Zeit in Brüssel, dann bei Verwandten in Paris, wo er sich um eine Aufenthaltserlaubnis für Frankreich bemühte, die jedoch am 8. Juli 1938 abgelehnt wurde. Offensichtlich gemütskrank und verhaltensgestört wollte er anscheinend den deutschen Botschafter töten, aus Rache für die Vertreibung von 15000 polnischen Juden(einschliesslich der eigenen Familie), die Ende Oktober 1938 ohne viel Umstände bei Zbaszyn über die polnisch schlesische Grenze abgeschoben wurden.

Das Vorgehen der Deutschen stürzte die Familie G. völlig ins Elend. So kaufte G. am 7. November 1938 einer) Revolver, ging zur deutschen Botschaft und erschoß den ersten Diplomaten, der ihn empfing. Zufällig war dies der Botschaftssekretär Ernst vorn Rath, der selbst als Nazigegner bekannt war und bereits von der Gestapo beschattet wurde Zwei Tage später wurde in Deutschland die Reichskristallnacht inszeniert eine raffiniert von Goebbels veranlaßte und durch Hetzreden angeheizte Gewaltorgie des entfesselten Pöbels gegen das deutsche Judentum. Glasscherben eingeschlagener Schaufenster jüdischer Geschäfte bedeckten die Straßen deutscher Städte, durch die der Qualm in Brand gesteckter Synagogen zog. Auch Wohnungen und Häuser jüdischer Familien wurden zerstört. Der Schlag war sorgfältig vorbereitet, denn man enteignete und verjagte Juden ganz systematisch. Man schätzt, daß rund 20000 Personen in Konzentrationslager gebracht wurden. Den jüdischen Gemeinden, denen man die Schuld an den Ausschreitungen in die Schuhe schob, erlegte man eine Schadensersatzzahlung von einer Milliarde Reichsmark auf. G. selbst wurde zwar des Mordes an Ernst vom

Rath angeklagt, aber nicht vor Gericht gestellt. Nach Frankreichs Zusammenbruch (1940) lieferten ihn die

die Vichy Behörden an die Nazis aus. Goebbels plante für Mai 1942 einen Schauprozeß, der G. und dem Weltjudentum die Schuld am Kriege zwischen Frankreich und Deutschland anlasten sollte. Doch gab man den Plan wieder auf, weil das Reichsjustizministerium den Fehler begangen hatte, die Anklage um den Vorwurf der Homosexualität zu erweitern und nun zu befürchten war, daß Grynszpan homosexuelle Beziehungen zwischen vom Rath als Tatmotiv angeben wollte. Offensichtlich führten die bloße Möglichkeit eines Skandals sowie die Verschlechterung in den Beziehungen zwischen Deutschland und Vichy Frankreich zu einem unbegrenzten Prozeßaufschub. Doch die Tatsache, (laß Co. eines Tages vor Gericht gestellt werden sollte, rettete ihm womöglich das Leben, denn man schickte ihn nicht nach Auschwitz, sondern hielt ihn zunächst im KZ Sachsenhausen und dann im Untersuchungsgefängnis Berlin Moabit in Haft. 1957 stellte sich heraus, daß G. unter falschem Namen in Paris lebte. Auch sein Vater überlebte die Hitlerzeit und trat 1961 in Jerusalem

beim Prozeß gegen Eichmann als Zeuge auf.


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