17.Januar 1999

Herrn Professor Dr. Hans Mommsen

E-Mail: Mommsen98@aol.co

Betrifft: November-Pogrom Sehr geehrter Herr Professor Mommsen,

Herr Samuel Althof, dem ich meinen NZZ-Artikel über die "Reichskristallnacht" zur Stellungnahme geschickt hatte, hat mir sozusagen als "seine Stellungnahme" Ihren Brief vom 9. Januar und Ihren diesem beigelegten Artikel zugestellt. Ich erlaube mir meinerseits, Ihnen direkt zu antworten und Herrn Althof mit meinem Dank für seine Kontaktvermittlung Kopie zu geben.

r Ich stimme voll mit Ihnen überein, dass die Ereignisse um die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 vordem Hintergrund der Rivalität zwischen Goebbels und der SS zu interpretieren sind. Ich bin aber der Ansicht, dass sie von letzterer von langer Hand geplant und vorbereitet waren als Schritt zur "Endlösung". Goebbels wollte die Chance ergreifen, in ein Zuständigkeitsmanko einzudringen und endlich einmal vom Mann des Worts zum Mann der Tat zu werden. Dies ist ihm nicht gelungen. Göring hat ihn am 12.11. getadelt. Hitler war mit diesem Tadel einverstanden, sonst hätte er Göring nicht eine zusätzliche Verantwortung i.S. Endlösung übertragen, zusätzlich zu Himmler. Beide haben später dem Realisator Heydrich die Durchführung übertragen (siehe Wannsee-Protokoll).

Ich habe nirgends behauptet, dass der Judenstern 1938 schon ausserhalb der KZ eingeführt gewesen sei.

Als meine Interpretation des Leitartikels im Schwarzen Korps vom 3. Novembers 1938 lege ich Kopie eines Schreibens an einen Freund in Berlin bei.

Ich kenne einen guten Teil der bisherigen Literatur. Nirgends fand ich bisher irgend ein Faktum, weiches meiner These entgegensteht oder sie verunmöglichen würde. Dies wäre nur dann der Fall, wenn wir annähmen, Grynszpan, von Welczeck, Goebbels hatten die Pariser Vorgeschichte voll gekannt, hätten damals alles zu Papier bringen lassen und diese Papiere wären uns erhalten geblieben. Dabei ist nicht einmal zwingen dass Grynszpan gemerkt und ausgesagt hätte, dass er gegängelt worden war.

Meine These hat den Vorteil, dass sie Kaul, Vater vom Rath, die Ereignisse vom 7.11.38 in Kassel, Hitlers späte Orientierung am Abend des 9. 11.38, Löwenstein, Kempner, Gutterer, die vielen Vorbereitungen in den KZ und alle übrigen bisher gefundenen Bausteine meiner Theorie nicht zur Seite schieben müssen.

Gespannt bin ich natürlich auf Ihre Einordnung des Leitartikels vom 3. November 1938 im Schwarzen Korps. Begrüssen würde ich, wenn Sie das von Kaul bearbeitete Material Ihrerseits - sozusagen aus westlicher Sicht -interpretierten, auch im Lichte der von Kempner kolportierten Aussage Gutterers.

Mit freundlichen Grüssen


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