Süddeutsche Zeitung, Nr. 258, 9. November 1978; "Der Anfang vom Ende"

Eine Dokumentation des Schreckens

Der Anfang vom Ende

Wie die Schutzhäftlinge des Konzentrationslagers Dachau vor vierzig Jahren die "Reichskristallnacht" erlebten

von Barbara Distel

(SZ) Die Autorin dieses Beitrages leitet die KZ-Gedenkstätte Dachau. Barbara Distel schildert darin das Elend, das die Juden nach der "Reichskristallnacht" am 9. November 1938 bei ihrer Einlieferung in das Dachauer Konzentrationslager erwartete. Ihre Arbeit stützt sich zum Teil auf Quellen, die bisher noch nicht veröffentlicht worden sind.

Die Geschichte des Konzentrationslagers Dachau ist noch immer in vieler Hinsicht unzureichend dokumentiert. So gibt es auch zum Schicksal der jüdischen Häftlingen Dachau noch keine zusammenhängende Untersuchung. Berichte jüdischer Häftlinge, Schilderungen von Vorfällen mit jüdischen Gefangenen in Berichten nichtjüdischer Häftlinge und eine Reihe von NS-Anordnungen und Erlassen belegen und beschreiben lediglich einzelne Aspekte.

Von einschneidender Bedeutung sind in diesem Zusammenhang sicher die Ereignisse der sogenannten Reichskristallnacht, nach der rund 11 000 Juden ins Lager Dachau kamen. Untersuchungen vom Novemberpogrom beschränken sich zumeist darauf zu verweisen, dass insgesamt mehr als 20 000 Juden "in Schutzhaft" genommen wurden, die man fast alle nach kurzer Zeit wieder entliess. Im folgenden soll versucht werden, einen kurzen Überblick über die damalige Situation im Lager Dachau zu geben, wie er sich aus Berichten der ehemaligen Gefangenen ergibt.

Es besteht kein Zweifel mehr darüber, dass das Attentat von Paris zum Anlass genommen wurde, "die Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben" (Helmut Genschel), die seit dem Frühjahr 1938 systematisch eingeleitet worden war, mit brutaler Gewalt voranzutreiben. Die offiziellen Berichte über "spontane Demonstrationen der Bevölkerung gegen die Juden" (Hermann Graml) wurden weder in Deutschland noch im Ausland ernst genommen. Die am 26. April 1938 erlassene "Verordnung über die Anmeldung des Vermögens der Juden" fand ihre konsequente Fortsetzung in dem Gestapo-Fernschreiben an alle Dienststellen im Reich vom 9. November 1938, mit dem die Vorbereitung der Festnahme von 20 000 bis 30 000 Juden angeordnet wurde. "Es sind auszuwählen vor allem vermögende Juden", hiess es darin unverblümt.

Die Häftlinge des Konzentrationslagers Dachau wussten bereits seit dem Spätsommer 1938, dass eine grössere Aktion geplant war, ohne dass sie Einzelheiten darüber in Erfahrung bringen konnten. In einem Teil der kurz zuvor neu erbauten Baracken mussten Massenschlafstellen eingerichtet werden, die mit Strohsäcken gefüllt wurden. Dazu wurde ein Arbeitskommando aufgestellt, das die Strohsäcke stopfte. Ausserdem wurden zwei grosse Zelte aufgestellt.

Auch im Lager Buchenwald wurden zu dieser Zeit Massnahmen für die Aufnahme einer grossen Zahl von Menschen getroffen. Der Häftling Hugo Burkhard, der seit 1933 im Lager Dachau war und im Sommer 1938 nach Buchenwald verlegt wurde, berichtete, dass "fünf grosse Holzbaracken errichtet wurden, die aber auf uns nicht den Eindruck normaler, sondern eher Notbaracken machten". Dr. Ball-Kaduri, der ins Lager Sachsenhausen kam, hörte dort ähnliches. Von Dachau gingen ausserdem im August/September 1938 mehrere grosse Transporte nach Buchenwald, so dass sich die Zahl der Dachauer Gefangenen von 6371 (am 1. August 1938) auf 3430 (am 1. Oktober 1938) verringerte, obwohl die Bauarbeiten zur Vergrösserung des Lagers erst im Sommer beendet worden waren.

Im Anschluss an den "Kristallnacht"-Pogrom kamen seit dem 10. November dann täglich Tausende der Festgenommenen ins Lager Dachau: am 10. November 1097, am 11. November 1045 und am 12. November 3166 Personen - im Monat November insgesamt 11 911 Einlieferungen. Die meisten waren bei ihrer Verhaftung misshandelt worden und wiesen spuren von zum Teil schweren Verletzungen auf. Die Dachauer SS-Männer stürzten sich mit Schlägen und Beschimpfungen auf die Neuankömmlinge und übertrafen gewiss in vielen Fällen die vorangegangene Brutalität ihrer Kollegen von SA und Gestapo.

Die Häftlinge des Lagers, von denen die meisten bereits jahrelange KZ-Haft hinter sich hatten, kannten das "Begrüssungszeremoniell" der SS, mit dem neueingelieferte Häftlinge in Angst und Schrecken versetzt worden sollten, zumeist aus eigener Erfahrung. Die eintreffenden "vermögenden Juden" jedoch, die zum grossen Teil aus gesicherten bürgerlichen Verhältnissen stammten und von denen viele - trotz Diskriminierung und Beschränkungen, die ihnen im NS-Staat widerfuhren, - noch an ein in grenzen funktionierendes Rechtssystem glaubten, reagierten zumeist mit einem Schock und manchmal mit Unglauben auf das Geschehen.

Das Ritual der "Aufnahme" mit Registrierung, neuen Misshandlungen im Bad und Einkleidung (da nicht genügend gestreifte Häftlingsanzüge vorhanden waren, konnten allerdings einige ihre Kleider behalten) zog sich über Tage hin. Zunächst gab es keinerlei Verpflegung, was für die Gefangenen, die bereits seit Tagen im Gefängnis und auf dem Transport nichts zu essen und trinken erhalten hatten, besonders schlimm war. Die Häftlinge versuchten nach Einbruch der Dunkelheit, die strenge Absperrung zu den jüdischen Gefangenen zu durchbrechen, um sie zumindest mit Wasser zu versorgen. Angesichts der riesigen Zahl von Menschen gelang dies jedoch nur in einzelnen Fällen.

Nachts wurden sie in die überfüllten Baracken gepfercht, tagsüber mussten sie unbeweglich auf dem Appellplatz stehen. In einem Bericht heisst es: "Wir marschierten auf den grossen Appellplatz, und aus allen Barackengassen strömten Juden - Juden - Juden - etwa 10 000! Seit Bar Kochba sind so viele Juden nicht im gleichen Schritt und Tritt marschiert. Die Alten, Kranken, Zerschlagenen humpelten mit, so gut es ging. Ein Zug des Leids, des Elends, des Grauens."

Unterbrochen wurde das Stehen durch "Turnübungen" und "Strafexerzieren", das die SS von Zeit zu Zeit durch führte und bei dem auf Kranke und Verletzte ebensowenig Rücksicht genommen wurde wie auf Alte und Gebrechliche. Ein Zahlenvergleich der Todesfälle im Lager Dachau vom August/September/Oktober 1938 (insgesamt 17 Tote) mit den darauffolgenden Monaten November und Dezember 1938 sowie Januar 1939 (insgesamt 187 Tote) zeigt die Folgen dieser Behandlung sehr deutlich auf.

Da es für die vielen Menschen nicht genügend Arbeitsplätze gab, mussten die meisten auch nach ihrer Eingliederung ins Lager den Tag damit verbringen, auf dem Appellplatz zu stehen oder unter Anleitung der SS zu "exerzieren". Ein früh einbrechender Winter mit heftiger Kälte führte darüber hinaus zu zahlreichen Erkältungskrankheiten und Erfrierungen.

Bereits Ende November begannen die ersten Entlassungen. Im Zusammenhang mit der in ganz Deutschland eingeleiteten "Arisierung" jüdischer Firmen und Betriebe mussten sich die Gefangenen vor ihrer Entlassung mit dem zwangsweisen Verkauf ihrer Geschäfte einverstanden erklären. Viele wurden gezwungen, eine vollständige Verzichtserkärung zu unterzeichnen.

Die letzte ernste Warnung

Die scheinbar willkürliche Art, in der Entlassungen durchgeführt wurden, verstärkte den psychischen Druck, der auf den jüdischen Häftlingen lastete. "Vergeblich versuchten wir, in den vorgenommenen Entlassungen ein System zu entdecken", schreibt der Häftling Blumenthal. "Es hiess, dass die alten Leute über 60 Jahre zuerst entlassen würden. Aber es wurden zum Teil ganz junge Leute aufgerufen. Vielleicht war deren Auswanderung schon vorbereitet. Aber das stimmte in vielen Fällen ebenfalls nicht...

Werde ich unter den letzten sein? Werde ich überhaupt den Winter überstehen?"

Und einige Zeit später: "Noch immer hatten wir kein System in die Entlassungen bringen können. Eine Zeitlang hiess es, dass die Kriegsteilnehmer entlassen werden würden. Aber das stimmte auch nicht....So war ich langsam fatalistisch geworden." Der Autor dieses Berichts wurde schliesslich am 8. Dezember entlassen, nicht ohne dass ihm von seiten der SS für sein neues Auto 200 Reichsmark geboten worden wären.

Auch ein anderer Gefangener berichtet über den schwunghaften Handel, den die SS mit Autos trieb, die sie für einen Bruchteil ihres Wertes den jüdischen Häftlingen zwangsweise abkauften. Die Häftlinge, die in der SS-Autowerkstatt arbeiteten, mussten die Wagen reparieren und neu spritzen, bevor sie mit enormen Gewinnen weiterverkauft wurden. "Unsere Kameraden von der Autowerkstatt", schreibt Karl Ludwig Schecher, "waren bei der SS hochgeschätzt und umworben."

Dies ist nur ein Beispiel für die Skrupellosigkeit, mit der sich Himmlers "schwarze Garde" am Eigentum der jüdischen Gefangenen bereicherte, ohne auch nur den Anschein der Legalität zu wahren. Hier wurde letztlich der Beginn einer Entwicklung markiert, der dazu führte, dass man den KZ-Häftlingen die Goldplomben aus den Zähnen raubte und sich an der Verwertung der Haare und Knochen der Ermordeten bereicherte.

Der Häftling Rolf Weinstock gehörte am 1. Mai 1939 zu den letzten der sogenannten Aktionsjuden, die aus dem Lager Dachau entlassen wurden. Er schreibt darüber: "Die unglaubhaftesten Erlebnisse lagen hinter uns. Wir fragten uns selbst oft: Wie ist es nur möglich gewesen, alle Quälereien zu überstehen? Würde man uns glauben, wenn wir daheim erzählen würden? - Nein, nein, so antworteten wir." Er konnte Deutschland nicht mehr verlassen und wurde später wieder verhaftet und nach Aufenthalten in verschiedenen französischen Internierungslagern nach Auschwitz deportiert. Er überlebte und wurde 1945 im Lager Buchenwald befreit.

Die restlichen Gefangenen des Lagers Dachau begleiteten die Entlassungen mit sehnsüchtigen Gedanken. Der Häftling Zwickenpflug schreibt: "Zwei Juden namens Löwenberg und Engländer, die um die damalige Zeit ebenfalls in unserem Block untergebracht waren und ihre Ausreise-Erlaubnis nach Amerika schon in der Tasche hatten, bedankten sich anlässlich ihres Abschieds bei uns für die Aufmerksamkeit, die wir den Judenkindern entgegenbrachten. Sie schlugen mir vor, sofort nach meiner Entlassung nach Amerika zu kommen. Die Reise sollte dadurch gefördert werden, dass unter Nr. 3795 - mein abgekürztes Geburtsdatum - beim Postamt Zürich zwei Jahre lang ein Brief für mich hinterlegt wurde, der alles Nähere enthielt. Ich kam aber nicht mehr dazu, weil durch den Krieg ein Überschreiten der Grenzen aussichtslos war."

Mit Kriegsbeginn sollte sich die Situation in den Konzentrationslagern dann entscheidend ändern.

Wie vielen der im November 1938 in die Lager verschleppten Juden noch die Flucht ins Ausland gelang, wie viele hingegen vier bis fünf Jahre später den Weg in die Gaskammern der Vernichtungslager gehen mussten, lässt sich nicht mehr beantworten. Aus der heutigen Sicht muss der Pogrom als der entscheidende Schritt auf dem Weg zur Massenvernichtung gesehen werden.

Der jüdische Historiker Shaul Esh stellt in einem Artikel "Zwischen Diskriminierung und Vernichtung - das verhängnisvolle Jahr 1938" fest: "Es war - milde ausgedrückt - verhängnisvoll, dass die wahre Bedeutung der Geschehnisse damals nicht erkannt wurde. Nur wenige Jahre später schreibt ein Opfer der November-Verfolgungen: "Damals glaubten wir, dass dies der Höhepunkt der Judenverfolgungen sei. In Wahrheit war es jedoch nur die letzte ernste Warnung vor der Vernichtung. Obwohl die genauen Methoden der Vernichtung zu diesem Zeitpunkt noch nicht feststanden, nahmen in diesem Jahr, das Hitler an allen Fronten - mit Ausnahme der jüdischen Frage - politischen Erfolg bescherte, die Pläne zur physischen Vernichtung Gestalt an. Deshalb wurden die Juden dem "SS-Staat" ausgeliefert."

Die deutsche Bevölkerung hatte - von Ausnahmen abgesehen - die Zerstörung der Synagogen und jüdischen Geschäfte und Wohnungen ebenso wie die Misshandlung und Verschleppung der jüdischen Nachbarn in die Konzentrationslager widerstandslos hingenommen. Auch hier offenbarte sich zum erstemal eine Haltung, die es später ermöglichte, auch vor der Deportation der gesamten jüdischen Bevölkerung die Augen zu verschliessen.

Propst Heinrich Grüber, der wegen seiner Hilfe für jüdische Mitbürger selbst ins Konzentrationslager kam, schreibt in seinen Erinnerungen: "Wenn es Tage in unserer Zeitgeschichte gibt, derentwegen uns Deutschen immer wieder die Schamröte ins Gesicht treten muss, dann sind es vor allem die Novembertage 1938. In meinem Leben gibt es zwei Zeiten, mit denen ich noch nicht fertig geworden bin, weil ich das Gefühl habe, dass ich etwas versäumt habe und dass die Schuld und Mitschuld mir noch nicht vergeben ist: die Augusttage 1941, als Tausende russischer Kriegsgefangener im KZ-Sachsenhausen hingemordet wurden und die Novembertage 1938."

Vierzig Jahre danach muss man sich auch in diesem Zusammenhang die Frage stellen, wie weit es gelungen ist, der Nachkriegsgeneration durch sachliche Information die Geschehnisse der Vergangenheit verständlich zu machen und damit durch die daraus gewonnene Erkenntnis jedem Wiederaufleben des damaligen Ungeistes Einhalt zu gebieten.


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