Aus "Der Novemberpogrom 1938" "Die "Reichskristallnacht" in Wien"

Katalog Wien Kultur

116. Sonderausstellung des Historischen Museums der Stadt Wien

10. November 1988 bis 19 Jänner 1989

Elisabeth Klamper,, Die "Affaire Herschel Grynszpan", S. 53-59

Die "Affaire Herschel Grynszpan" (Auszug S. 58/59)

Gemeinsam mit anderen Häftlingen wird Herschel Grynszpan, der sich seit dem 8. November 1938 in der Jugendabteilung der Gefängnisses in Fresnes (Paris) befindet, über Orléans nach Bourges evakuiert, wo die Gefangenengruppe am 17. Juni eintrifft. Inzwischen verfolgt bereits eine Sondergruppe der deutschen Geheimen Feldpolizei die Spur Herschel Grynszpans, um seiner habhaft zu werden und um ihn in Deutschland vor Gericht stellen zu können. Der rasche Vorstoss der deutschen Truppen veranlasst in Bourges den Staatsanwalt Paul Ribeyre in Übereinstimmung mit dem Präfekten Taviani, dem Gefangenenaufseher zu verstehen zu geben, den Häftling Grynszpan auf seinem weiteren Evakuierungsmarsch Richtung Toulouse nicht zu registrieren, sondern "verschwinden" zu lassen. Der nun neunzehnjährige Herschel Grynzspan trifft tatsächlich frei und allein in Toulouse ein, steht dieser neuen Situation aber völlig hilflos gegenüber und begibt sich, anstatt unterzutauchen, freiwillig ins Gefängnis, wo er auch aufgenommen wird. Die Deutsche Feldpolizei hatte inzwischen die Spur Grynszpans fast verloren, durch Verrat erfährt sie jedoch, dass der Staatsanwalt Bourges, Paul Ribeyre, das Verschwinden Herschels veranlasst hatte. Ribeyre wird sofort verhaftet und am 30. Juni 1940 nach Paris gebracht, wo er, ohne den weiteren Weg Grynszpans preiszugeben, bis zum 11. Juli im Gefängnis Cherche-Midi in Geheimhaft bleibt. Am 11. Juli wird ihm nach einem weiteren Verhör mitgeteilt, er werde in drei Stunden erschossen. Ribeyre schreibt einen Abschiedsbrief an seine Familie, übernimmt darin die alleinige Verantwortung für das Verschwinden Grynszpans aus dem Gefängnis in Bourges und wartet auf sein Ende. Doch nichts geschieht. Staatsanwalt Ribeyre weiss nicht, dass er eine Geisel ist, mit der die deutsche Besatzungsmacht die Auslieferung Herschel Grynszpans im unbesetzten Frankreich Pétains erpressen will. Nachdem das Deutsche Reich einen Auslieferungsantrag gestellt hatte, lässt der Staat Pétains Grynszpan in allen Gefängnissen suchen und wird prompt in Toulouse fündig. Am 14. Juli 1940 - dem französischen Nationalfeiertag - wird Grynszpan in Chalon-sur-Saône an die Deutschen ausgeliefert. Staatsanwalt Ribeyre wird einen Tag später entlassen und übernimmt einen Posten in Algier, um jeden Kontakt mit der deutschen Besatzungsmacht in Zukunft zu vermeiden.

Herschel Grnyszpan wird zuerst nach Berlin in ein Gefängnis der Gestapo zum Verhör gebracht, später - am 18. Jänner 1941 - in das Konzentrationslager Sachsenhausen. Dort wird er relativ gut behandelt, da ihm noch eine wichtige Rolle in einem Schauprozess gegen das "Weltjudentum" zugedacht ist.

Das Reichsjustizministerium löst das Problem, dass ein deutsches Gericht rechtlich unbefugt ist, ein im Ausland begangenes Verbrechen zu ahnden, indem gegen Herschel Grynszpan Anklage wegen Hochverrates erhoben wird. Die Entwicklung der politischen Ereignisse führt zu einem ständigen Aufschieben des Prozessbeginns.

Herschel Grnyszpan selbst ist es schliesslich, der den Prozess blockiert, indem er behauptet, homosexuelle Beziehungen zu vom Rath gehabt und diesen deswegen erschossen zu haben. Interessanterweise war es ein Beauftragter des Reichssicherheitshauptamtes, das sich bis jetzt in der "Äffäre Grnyszpan" im Hintergrund gehalten hatte, nämlich der SD-Mann Jagusch, der einen "inoffiziellen" Aktenvermerk über "homosexuelle Beziehungen" machte. Grynszpan nimmt diese Aktennotiz sofort in seine Aussage auf.

Obwohl Goebbels überzeugt ist, dass es sich um eine "geradezu absurde, typisch jüdische Behauptung" handle, wird der für 11. Mai 1942 festgesetzte Prozessbeginn neuerlich verschoben. Tatsächlich kommt es niemals zu einem Prozess.

Letztlich lassen sich nur Spekulationen anstellen, warum es zu diesem Prozess nie kam: Waren es Differenzen zwischen dem Reichssicherheitshauptamt und dem Propagandaministerium über die Gestaltung des Prozesses (Todesurteil oder nicht) - der von Reigerungsassessor Jagusch gemachte Aktenvermerk über die mögliche Homosexualität könnte ein Hinweis darauf sein. Oder wollten die Machthaber des Dritten Reiches den Prozess gegen Grynszpan zu einem späteren Zeitpunkt zur....... (eine Zeile unleserlich) Schlegelberger, der Stellvertreter des NS-Justizministers, 1966 in einem Prozess gegen Wolfgang Diewerge behauptete?

Das Schicksal Herschel Grnyszpans ist bis heute nicht vollständig geklärt. Immer wieder tauchte nach 1945 die Behauptung auf, er hätte das KZ überlebt und lebe unter falschem Namen in Frankreich. Viel wahrscheinlicher ist jedoch, dass Grynszpan im KZ Sachsenhausen ermordet worden ist; seine Mithäftlinge sahen ihn das letzte Mal, als er zu einem Verhör mit Adolf Eichmann geführt wurde.

(Die Fussnoten verweisen auf Kaul und Thalmann/Feinermann)

(Die Darstellung, der viele Historiker folgen, steht in Widerspruch zu den Ergebnissen der Forschungen von MMMMM)


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