Kasseler Zeitung 7. November 1998, S. 12
"Der erste Stein gegen eine Synagoge flog in Kassel"

Kassel Nr. 260 KS Samstag, 7. November 1998 12

JUDENPOGROM

Der erste Stein gegen eine Synagoge flog in Kassel

von Jana Ehrhardt

Heute vor 60 Jahren stürmten Kasseler Bürger die Synagoge - zwei Tage, bevor in anderen Städten Pogrome gegen die Juden wüteten. Diese Sonderseite behandelt die Kasseler Geschehnisse von 1938.

"Ernst Eduard vom Rath schwer verletzt", tönte es heute vor genau 60 Jahren aus den Volksempfängern. Ein 17jähriger Jude, Herschel Grynszpan, hatte in der deutschen Botschaft von Paris mehrere Schüsse auf den Diplomaten abgegeben. Bei der Vernehmung erklärt er, er habe Rache nehmen wollen für die polnischen Juden, die aus Deutschland ausgewiesen wurden. Seine Eltern sind unter den Deportierten.

Die Verzweiflungstat des 17jährigen wird am Folgetag in den Tageszeitungen zu einem Zeichen der "Verschwörung des Weltjudentums gegen Deutschland" umgedeutet, schwere Folgen für die in Deutschland lebenden Juden werden angekündigt.

Kassel als Vorbild?

Noch bevor die Zeitungsmeldungen überhaupt in Druck gehen, formieren sich am frühen Abend des 7. November in der Kasseler Innenstadt ungefähr 30 Männer und schreiten zu einer antijüdischen Demonstration. Die Strassenbeleuchtung ist ausgeschaltet, über der Gruppe hängt der unheilschwangere Ruch einer Nacht- und Nebelaktion. Immer mehr Menschen jedoch schliessen sich ihnen an. Hunderte sehen schliesslich dabei zu, wie die Grosse Synagoge in der Unteren Königsstrasse / Ecke Bremer Strasse gestürmt wird. Die Männer schleppen Gebetsrollen, Kultgegenstände und Gestühl auf die Strasse, zünden alles an. Anschliessend zieht die Menschenmenge in die Grosse Rosenstrasse, wo das gleiche im Schul- und Verwaltungsgebäude der Jüdischen Gemeinde geschieht.

Bis 22 Uhr wütet der Mob, zerstört und plündert 20 jüdische Geschäfte, misshandelt Juden. Ein Jugendlicher erzählt später, dass die in Zivil gekleideten Aktivisten alle das gleiche Schuhwerk trugen, "Schuhe von SS-Leuten."

Zwei Tage später - der Tod von Raths war gerade bekannt geworden - wies in München Reichspropagandaminister Goebbels auf die Vorfälle in Kassel und Kurhessen hin. In einer aufputschenden Rede sprach er davon, "dass es in den Gauen-Kurhessens und Magdeburg-Anhalt zu judenfeindlichen Kundgebungen gekommen ist (..) Der Führer hat in seinem Vortrag entschieden, dass derartige Demonstrationen von der Partei weder vorzubereiten noch zu organisieren seien, soweit sie spontan entstünden, ist ihnen aber auch nicht entgegenzutreten."

Der Appell wurde so verstanden, wie er gemeint war. Gauleiter und Gaupropagandaleiter eilten zu den Telefonen, um auch in ihrem Gau Pogrome auszulösen. Die Staatspolizei sollte in die Aktionen nicht eingreifen und die Verhaftung von 20 000 bis 30 000 Juden reichsweit vorbereiten. Plünderungen sollten jedoch verhindert werden - wohl um den Schein rechtschaffenen Volkszorns zu wahren.

In Kassel und anderen Orten Kurhessens kam es an diesem Abend noch einmal zu antijüdischen Ausschreitungen. 258 männliche Juden wurden in Kurhessen am 10. November aus ihren Häusern geholt, zum Teil auf Lastwagen verladen und in die Kaserne des Infanterieregiments 83 in der Hohenzollernstrasse gebracht. Anschliessend wurden die Männer von der Gestapo in das Konzentrationslager Buchenwald überführt.

Warum?

Die Judenpolitik Deutschlands war 1938 wesentlich radikaler als noch wenige Jahre zuvor. 1936 hatte der jüdische Student David Frankfurter ein Attentat auf den NS-Landesgruppenleiter in der Schweiz, Wilhelm Gustloff, verübt. Vergeltungsmassnahmen gegen die jüdische Bevölkerung wurden den NS-Organsisationen damals ausdrücklich untersagt.

1938 gab es jedoch keine aussenpolitische Verpflichtung zur Rücksichtsnahme mehr; die Olympiade war vorbei. Die Pogrome und Deportationen sollten die Bereitschaft der Juden zur Auswanderung erhöhen. Sie sollten ihnen klarmachen, zu welcher Brutalität der NS-Staat ihnen gegenüber in der Lage war.

In seinem Buch "Der 9. November 1938" schreibt der Historiker Hermann Graml: "Der Pogrom hatte die Juden des letzten Schutzes, nicht nur des gesetzlichen, sondern auch ihres menschlichen Rechtes beraubt und sie in die Verlassenheit gestos-sen. Der politische Antisemitismus, der ihnen die gesellschaftliche Isolierung gebracht hatte, war endgültig umgeschlagen in den biologischen Rassenhass, der sie mit Ungeziefer und Schädlingen auf eine Stufe drückte (...)."


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