Auch wenn das Tatmotiv umstritten ist - Grünspan war

Der Vorwand zur Kristallnacht

Der Soltikow-Prozess geht weiter - Gegensätzliche Zeugen-Aussagen

von unserem Korrespondenten Horst Siebert

München. Nach einer mehrtägigen Verhandlungspause wurde gestern der Soltikow-Prozess wiederaufgenommen. Allerdings nur mit einer kurzen Sitzung. Heute soll u. a. Hans Bernd Gisevius, ehemaliges Mitglied der deutschen Abwehr unter Admiral Canaris, vernommen werden. Gisevius soll in einem Buch nach dem Kriege angedeutet haben, dass der Ermordung des Gesandtschaftsrats Ernst vom Rath durch Herschel Grünspan keine politischen Motive zugrunde lagen.

Erinnern wir uns noch einmal jener Tage: Am Vormittag des 7. November 1938 hatte in der Deutschen Botschaft in Paris der 17jährige Herschel Seidel Grünspan (Grynszpan) den 29jährigen deutschen Gesandtschaftsrat Dr. Ernst Eduard vom Rath erschossen. Für Hitler und Konsorten bildete die Tat des jungen Juden den willkommenen Anlass, um in ganz Deutschland in der"Kristallnacht" die Synagogen in Flammen aufgehen zu lassen, jüdische Geschäfte zu plündern und die ohnehin fast schon unerträglichen Bedingungen, unter denen die jüdischen Bürger leben mussten, weiterhin zu verschärfen.

Die Schatten der Vergangenheit

In jenen ersten Novembertagen des Jahres 1938 liessen die Nazis endgültig die Maske fallen und proklamierten den organisierten Mord an Menschen jüdischen Glaubens zur staatlichen Pflicht.

Nach 22 Jahren versucht nunmehr ein Münchner Gericht, zu klären, welches Motiv Grünspan zu dem Attentat veranlasste. Ein Bruder des Ermordeten hatte Strafantrag gegen den Schriftsteller Dr. Michael Graf Soltikow gestellt, der 1952 in einer Zeitung die Behauptung publizierte, vom Rath hätte widernatürliche Beziehungen zu Grünspan unterhalten. Der Mordanschlag sei demnach ein persönlicher Racheakt und keine politisch-weltanschaulich motivierte Tat gewesen.

In dem düsteren Gerichtssaal der 5. Grossen Strafkammer beim Landgericht München I tanzen jetzt die Schatten der Vergangenheit vor dem Hintergrund eines düsteren Zeitabschnitts der deutschen Geschichte einen beklemmenden Totentanz. Da trat z.B. der ehemalige Staatssekretär in Goebbels' Propagandaministerium, Leopold Gutterer, vor die Richter hin und schilderte in dürren Worten den Kuhhandel, den die Beamten des Ministeriums mit ihrem Chef veranstalteten, als es um die Frage ging: Soll Grünspan der Prozess gemacht werden oder nicht?

Auf unbestimmte Zeit vertagt

Goebbels wollte einen Schauprozess abziehen, der weit über Deutschlands Grenzen hinaus die Schuld"des internationalen Judentums" an dem Tode vom Rath dokumentieren sollte. Nun hatte Grünspan allerdings mehrmals in der Haft angedeutet, dass keineswegs weltanschauliche Motive ihn zu seiner Tat veranlassten. Die Furcht, der Täter könnte vor versammelter Weltpresse den Ermordeten, den die Nazipropaganda inzwischen zu einem Märtyrer der"Bewegung" erhoben hatte, gewisser Beziehungen bezichtigen, jagte dem grossdeutschen Märchenerzähler einen derartigen Schrecken ein, dass der Prozess auf unbestimmte Zeit verschoben wurde.

Ein ehemaliger Angehöriger der deutschen Abwehr, der seinen Namen mit Ben Zahdeck und seinen jetzigen Beruf mit"technischer Kaufmann" angibt, versicherte, Grünspan und vom Rath hätten sich damals beide in homosexuellen Kreisen in Paris bewegt. Einiges Erstaunen rief die Bemerkung des Zeugen hervor, er sei davon überzeugt, dass der Attentäter heute noch lebe und dass es gar nicht so schwierig sein dürfte, ihn zu finden und als Zeugen zu vernehmen.

Grünspan war von der Vichy-Regierung den deutschen Besatzungsbehörden ausgeliefert worden, die ihn in das Konzentrationslager Sachsenhausen brachten. Zur Vorbereitung des geplanten Schauprozesses transportierte man ihn 1941 nach Berlin-Moabit. Bis heute ist es nicht gelungen, eindeutig festzustellen, ob er das Kriegsende noch erlebte. Verschiedene Gerüchte wollen wissen, er lebe in Frankreich unter einem falschen Namen. Seine Eltern, die jetzt in Israel wohnen, liessen erst kürzlich ihren Sohn amtlich für tot erklären.

Private Gründe?

Der damalige Oberreichsanwalt beim Volksgerichtshof, Lautz, konnte ebenfalls nicht völlig ausschliessen, dass bei Grünspan private Motive zur Tat vorlagen. Allerdings bestätigte Lautz, dass bei einer"Abschlussvernehmung" des Attentäters jener eindeutig politische Beweggründe für den Mord anführte.

Der inzwischen verstorbene Professor Friedrich Grimm, der nach dem Attentat als Vertreter der Familie vom Rath und der Reichsregierung umfangreiche Ermittlungen in der Angelegenheit geführt hatte, wies vor dem Ermittlungsrichter alle Spekulationen auf ein niederes Tatmotiv bei Grünspan zurück. Grimm war sogar der festen Überzeugung, dass Grünspan nicht allein wegen der misslichen persönlichen Verhältnisse, an denen die Nazis die Schuld trugen, zur Waffe griff.

Die Nazi-These"widerlegen"

Dem Angeklagten Soltikow ging es in seinem Tatsachenbericht und nunmehr vor Gericht vor allem darum, endgültig die Nazithese von der"Schuld Alljudas" an dem Mordanschlag als Propagandalüge zu entlarven. Aber wie dem auch sei: Es ist heute klar, dass der Anschlag Hitler und Goebbels vorzüglich in ihr Propagandakonzept passte.

An jenem 7. November standen die protzigen Feiern anlässlich der Wiederkehr des"Marsches zur Feldherrnhalle" in München unmittelbar bevor. Bei Bekanntwerden des Attentats überschlug sich die zentral gesteuerte Presse in Hassausbrüchen gegen das Judentum. Die SA und SS erhielt geheime Anweisungen, in einer"spontanen Aktion" Volkszorn zu spielen.

Bei den Ausschreitungen gegen in jüdischem Besitz befindliche Gebäude und beim Niederbrennen der Synagogen feierte das SA-Rabaukentum der"Kampfzeit" furchtbare Urständ. Der Brand der Synagogen war das schauerliche Fanal für die beginnende"Endlösung der Judenfrage", die brutale Ermordung von sechs Millionen unschuldiger Männer, Frauen und Kinder.


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