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Dr. Vera Bendt

1.12.1998

Lieber Herr Frank Steiner,

Vielen Dank für Ihren Artikel aus der Neuen Zürcher vom 4. November 1998, und für das Manuskript vom 8. November. Beides habe ich mit größtem Interesse gelesen und ich kann Ihren Thesen nur beipflichten. Es wäre wichtig, nicht nur die Vorgänge um Herschel Grynszpan zu erforschen, sondern die Frage der "langen Vorbereitungen" generell.
Vielleicht finden Sie Stoff in den beigefügten Artikeln. Einer aus meiner Feder, Die Synagogen unter dem Nationalsozialismus, in: Synagogen in Berlin, Zur Geschichte einer zerstörten Architektur, dort Seite 86 ff.

Die Eintragung einer Gesamtsicherungshypothek zugunsten von zwei großen deutschen Banken am 30. Dezember 1938 in den Grundbüchern von 16 bebauten Grundstücken der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, davon 7 Synagogen und 2 Friedhöfe, war der Beginn der Enteignung des gesamten Grundbesitzes der Jüdischen Gemeinde zu Berlin mit völlig "legalen Mitteln", d.h. mit den Mitteln des Grundbuch und Hypothekenrechtes. In anderen Städten in Deutschland lief dasselbe.
Ich habe mich seinerzeit sehr lange und ausführlich über diesen Vorgang mit einem pensionierten Grundbuchrichter unterhalten. Er meinte, daß dieses Verfahren lang vorher geplant war und vertrat die Auffassung, daß die einzelnen Objekte, die für die Ersteintragung der Gesamtsicherungshypothek vorgesehen waren, genau ausgewählt wurden. Seiner Meinung nach war es eine wesentliche Voraussetzung, daß die Mitwirkung der Grundbuchrichter der in Frage kommenden Grundbuchämter gesichert war, ansonsten wäre die Eintragung am 30.12.1938 nicht reibungslos vonstatten gegangen und hätte nicht die Gewähr geboten, die restlichen Grundstücke ebenfalls sehr schnell zu enteignen. Er nannte das Vorgehen eine "kalte Enteignung", die im Sinne des Grundbuchrechtes rechtens ist, wenn Ansprüche von Gläubigern mit Hypthekseintragungen sichergestellt werden müssen.
Die ca. 5 Millionen Reichsmark, die die Jüdische Gemeinde "schuldete", entsprach ungefähr 1/7 ihres Gesamtvermögens, das kurz vor dem 9. November 1938 auf ca. 35 Mio. Reichsmark beziffert wurde. Die Neufestsetzung der Einheitswerte für den Grundbesitz der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, die per 1. 1. 1938 durchgeführt wurde und sicherlich einen "Vorlauf' im Jahr 1937 hat, ist der Auftakt für die "Kristallnacht". Denn diese Neufestsetzung des Einheitswertes mußte nur die Jüdische Gemeinde durchführen, die allgemeine Festsetzung des Einheitswertes war meines Wissens letztmalig 1935 durchgeführt worden.
Die Wertminderung der Grundstücke auf ca. 1/7 bis 1 /10 ihres noch zum Jahresanfang 1938 festgestellten Wertes nach dem 9. November 1938 betraf den gesamten Grundbesitz der Jüdischen Gemeinde, nicht nur die Gebäude mit Brandschäden aufgrund der Synagogenbrände. Diese Brandschäden waren für das Hauptliegenschaftsamt der Stadt Berlin die Begründung, nicht nur den Abriß geschädigter und demolierter Bauten zu fordern, sondern generell Baumaßnahmen zu fordern, die die Finanzkapazität der Jüdischen Gemeinde weit übertraf und selbstverständlich gar nicht gewünscht war. Ziel war die Eintragung der Sicherungshypothek, die die Enteignung auch gegenüber einem noch so konservativen Grundbuchbeamten verschleierte und ihm als legal erscheinen mußte.

Für die Vorausplanung dieses gesamten Vorgangs nahm er mindestens 1 Jahr an, nicht mitgerechnet die Zeit, die von der ersten Idee bis zu den ersten Planungsschritten verstreicht.

Zum anderen mache ich auf den Artikel von Dan Michman in Studia Rosenthaliana aufmerksam. Hier wird die auch in den Niederlanden bis heute nur unvollständig beantwortete Frage über den exakten Zeitpunkt der Planungen zur Vernichtung der niederländischen Juden aufgeworfen. Die niederländisch jüdische Geschichtsforschung führte diese Diskussion seit Kriegsende (vgl. H. Wieleck, Anm. 2). Das jetzt im Bundesarchiv Koblenz vorgefundene und von Dan Michman vorgestellte Dokument weist nach, daß länger als bisher nachgewiesen "vorgeplant" wurde; vgl. den Brief vom 28.3.1939, S. 178. Interessant ist hier, daß der Brief auf den Beginn des "Vorgangs" verweist, auf ein Schreiben der SS vom 22.12.1938 unmittelbar nach der "Kristallnacht".

Ich schicke Ihnen noch einen Artikel, den ich kürzlich im Wiener Jahrbuch für Jüdische Geschichte, Literatur und Museumskunde veröffentlichen konnte.

In nächster Zeit bekommen Sie noch einmal Post von mir. Es wird hier momentan über die Graphiken recherchiert, die wir von Ihnen aus dem Nachlaß Ihrer Mutter bekommen haben. Es soll ein Katalog "Highlights der Sammlung des Jüdischen Museums" erscheinen.

Mit freundlichen Grüßen

(gez. Vera Bendt)


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