| Dr. Anna Ruth Löwenbrück Haus der Geschichte Baden Württemberg Heilbronner Str. 129, 70191 Stuttgart Herrn Ihre Nachricht vom 01.12.98 Datum 06.12.98 "Reichskristallnacht" Lieber Herr Frank Steiner, ich möchte mich noch einmal sehr herzlich bei Ihnen für die Einladung zum Abendessen letzte Woche in Laupheim bedanken! Ich freue mich, daß Sie und Ihre Frau ein so großes Interesse an der Weiterentwicklung des Museums haben. Ich kann Ihnen versichern, daß wir jede Unterstützung brauchen. Und ich bin überzeugt, daß es noch manchen Kampf in der Stadt auszutragen gilt, bevor alle Räume des Museums gestaltet sind. Unsere Diskussion über die Pogromnacht 1938 habe ich nicht vergessen. Anbei sende ich Ihnen meinen kürzlich erschienenen Artikel über die Geschehnisse in Thüringen. Zu Ihrem eigenen Vortrag über den 9. November 1938 habe ich folgende Anmerkungen: S. 1: in jener Nacht wurden zwischen 26000 und 30000 jüdische Männer vom Jugendlichen bis zum Greis in KZ eingeliefert, 91 Menschen wurden ermordet und sicher mehr als 200 Synagogen in Brand gesetzt. Es haben mehr Synagogen, gerade auf Dörfern, den Krieg überdauert. Nach dem Krieg wurden sie oftmals zu Wohnhäusern umgebaut und "vergessen" Erst in den letzten Jahren werden sie durch Initiativen "wiederentdeckt" und zu retten versucht. Andere Synagogen wurden nach dem Krieg abgerissen. S. 2, Punkt 1.: beziehen sich Ihre Aussagen in dem 1. Abschnitt über Grynszpans Verhaftung auf Anm. (5)? Wenn ja, woher hat Döscher seine Informationen? S. 2, Sie schreiben, "es wurden nur solche Synagogen angezündet, bei denen keine Gefahr bestand, daß Nachbargebäude in Flammen aufgehen. Dies mußte gewiß sorgfältig und von langer Hand abgeklärt werden". Dies mußte nicht unbedingt der Fall sein; denn nahezu alle Synagogen wurden geschändet, und vor Ort wurde entschieden, ob sie in Brand gesetzt wurden oder nicht. Vorher war die Weisung gegeben worden, Nachbargebäude nicht zu gefährden. Die konkurrierenden Parteien waren einerseits Goebbels und sein Propagandaministerium, andererseits Heydrich und der SD. S. 3: Wenn es Nachrichten von Geheimdienstbeamten über Grynszpans Aktivitäten in homosexuellen Lokalen gäbe, müßten sie irgendwo festgehalten worden sein. Die Gestapo hat Berichte über Berichte verfaßt, diese könnten im Bundesarchiv Koblenz oder Potsdam liegen, in Moskau oder in Washington. Denn auch die Amerikaner haben nach dem Krieg Akten mit nach Washington genommen, die erst jetzt langsam der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Alles in allem müßten Sie aber die Quellen, die bisher überhaupt benutzt wurden, überprüfen und vielleicht nochmals lesen. Welches ist die Belegstelle für Heydrichs Aufenthalt in Paris? Wenn es die gibt, müßte auch herauszufinden sein, in welcher Mission er dort war. Saul Friedlander schreibt in seinem neusten Buch: "Das Dritte Reich und die Juden" S. 325, die Vichy Regierung habe Grynszpan "ordnungsgemäß" an die Nazis ausgeliefert. Er gibt als Quelle Michael Marrus an, wie Sie auch. Aber worauf stützt sich Marrus? S. 4: Von wem stammen die "Schilderungen, Grynszpan habe an vom Rath Strichjungen vermittelt"? Friedländer hält diese Geschichte für eine Verteidigungsstrategie. Haben Sie Belege? Wenn Sie Ihren Artikel herausgeben möchten, müßten Sie ihn nochmals überarbeiten und genauere Belegstellen nennen ja die heraus . Das Buch über die Gestapo, von dem ich gesprochen habe, hat den Titel: Robert Gellately: Die Gestapo und die deutsche Gesellschaft. Die Durchsetzung der Rassepolitik. Paderborn 1993. Zu empfehlen wäre auch: Michael Wildt: Die Judenpolitik des SD 193 5 bis 193 8, München 1995. Zeitschriften, denen Sie Ihren Artikel schicken konnten, wären: 1) Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Institut für Zeitgeschichte, München 2) Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Berlin, TU, Rohrdamm 22, 10629 Berlin 3) Menora, Zeitschrift des Moses Mendelssohn Zentrums Potsdam, 4) Historische Zeitschrift, Frankfurt. Ich muß Sie bitten, die Adressen selber herauszusuchen. Wir beziehen diese Zeitschriften nicht, und ich müßte extra zur Landesbibliothek fahren und sie recherchieren. Da Sie Intemet Anschluß haben, können Sie über Internet versuchen, die Adressen zu bekommen, oder einfach im Lesesaal der Universitätsbibliothek in Basel nachschauen. Dort sind diese Zeitschriften sicher einzusehen. Ich bitte Sie um Verständnis, daß ich zur Zeit nicht mehr für Sie tun kann. Ich habe sehr, sehr viel zu tun und meine Zeit ist sehr begrenzt. Bis Januar muß ich ein erstes Konzept für die noch zu gestaltenden Räume vorlegen und habe darüber hinaus ja auch vor Ort in Laupheim und in Stuttgart noch das ein oder andere zu erledigen. Es ist jetzt Sonntag Abend, 23.30h, und ich möchte mich verabschieden. Nochmals vielen Dank für die Einladung! Es hat mich sehr gefreut, Sie kennenzulernen. Ich wünsche Ihnen und Ihrer Frau ein schönes und frohes Chanukka Fest. |
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